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Vom Verlieren und Finden der Balance

Colum McCann: Die große Welt

Colum McCann: Die große Welt

August 1974: zwischen den beiden Türmen des World Trade Centers balanciert Philip Petit auf einem Seil. Doch dieser Drahtseilakt bildet nicht den Mittelpunkt des Romans von McCann, sondern es ist lediglich der rote Faden, der viele einzelne Geschichten verbindet. Und diese Episoden handeln von Menschen, die 400 Meter tiefer als Petit an ihrem ganz persönlichen „Rand der großen Welt“ leben.

Der erste Teil dieses literarischen New York Kaleidoskops beginnt ironischerweise in Dublin mit der Schilderung der Jugend von Corrigan. Schon in seiner Jugendzeit hat er ein Naheverhältnis mit dem vermeintlichen „Abschaum“ der Gesellschaft: zwielichtige Figuren, Prostituierte, Alkoholiker und Obdachlose. Als Priester kommt Corrigan dann nach New York, um sich an einem der „Ränder der Welt“ um eine Gruppe von Prostituierten in der Bronx zu kümmern. Hin und hergeworfen zwischen Corrigans Zweifel an Gott und Prügeleinheiten durch die Zuhälter entwickelt sich aber zwischen ihm und seinen Damen ein Vertrauensverhältnis.

In einer anderen Episode erhalten wir Einblick in das Leben des jüdischen Ehepaars Solomon und Claire Soderberg oder vielmehr, wie sie mit dem Tod ihres Sohnes umzugehen versuchen, der in Vietnam einem Bombenattentat zum Opfer gefallen ist. Solomon, der Richter, verarbeitet den Tod seines einzigen Sohnes mit Schweigen, Claire versucht es mit darüber sprechen in einer Gruppe von 5 Frauen, die ebenfalls ihre Söhne in Vietnam verloren habe. McCann vermag es in diesem Teil des Romans mit wunderbaren erzählerischen Mitteln das Leid der Soderbergs zu benennen. Der Sohn Joshua war als Computerexperte nach Vietnam gegangen, um das System zu verbessern, mit dem die Amerikaner die Anzahl der Gefallenen zu ermitteln versuchten. Als er in Vietnam stirbt lesen wir nur: „Aus Joshua wurde ein Code.“

McCann bringt uns so noch eine große Anzahl von Lebensgeschichten näher, die sich wiederum an ihren Rändern immer wieder mit den anderen Geschichten überschneiden. Sie alle handeln von Menschen, die ihre Lebensbalance verlieren oder schon verloren haben, ganz im Gegensatz zum Seiltänzer Petit. McCann kleidet Beobachtungen in Sätze von erstaunlicher sprachlicher Präzision und seine Prosa bilderreich zu nennen wäre wohl eine Untertreibung. Für Wortungetüme ist kein Platz und die Dialoge sind von einer erfrischend knackigen Lebendigkeit. Das einzig vielleicht Negative ist der ansonsten gelungene Schluß, hier versucht McCann mit einer allzu großen Unwahrscheinlichkeit die erzählerische Klammer zu schließen. Eines steht jedoch fest: „Die große Welt“ von Colum McCann ist einer der ganz großen Romane des Jahres 2009.

Nachsatz: wenn sie die Möglichkeit haben, den Dokumentarfilm „Man on Wire“ über die Seiltanzaktion von Philip Petit zu sehen, dann tun sie das und sie werden vielleicht besser verstehen, warum McCann dem Franzosen nicht mehr Platz in seinem Roman gewidmet hat.

Colum McCann: Die große Welt
Rowohlt 2009
540 Seiten

Rezension von Tom Fliri

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