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7. Etappe: Litauen



Das Spannende an einer literarischen Weltreise ist nicht nur die Lektüre der jeweiligen Bücher, sondern auch das Entdecken dieser Bücher. So war das auch bei der Suche nach baltischer Literatur, die nicht sehr einfach war, da relativ wenige baltische Autoren ins Deutsche übersetzt werden. Zufällig entdeckte ich die 2007 verstorbene litauische Autorin Jurga Ivanauskaite, die mit “Placebo” (2003) einen utopisch angehauchten, thrillerhaften Gegenwartsroman aus Litauen geschrieben hat.
Ivanauskaite entwirft eine Geschichte rund um den merkwürdigen Tod der Wahrsagerin Julia, die aus der Sicht von mehreren Protagonisten erzählt wird. Das sind aber keineswegs „normale“ Erzähler, denn so kommen z.B. die bereits verstorbene Julia oder auch deren Katze zu Wort. Weiters wird die Geschichte von Julia aus der Sicht ihrer Freundin und Journalistin Rita beleuchtet und vom überdrehten Fernsehstar Maksas und dessen nonkonformistischen Bruder Tadas. Immer mehr wird dem Leser klar, dass Julia nicht Selbstmord begangen hat, sondern selber Instrument und am Ende auch Opfer einer verschwörerischen Gruppe namens „Placebo“ wurde. Aber Ivanauskaite macht aus dieser Geschichte nicht einen Roman im Stile von Dan Brown, sondern lässt ein Kaleidoskop aus vielen Stimmen entstehen. Aber warum sollte eine globale Verschwörungsgruppe gerade Litauen als Spielwiese für neue Methoden der Beeinflussung und unterschwelliger Kontrolle auswählen? Das beschreibt Ivanauskaite auf sehr eindringliche Art und Weise: nach der Befreiung aus dem politischen Würgegriff der ehemaligen Sowjetunion war in Litauen (so wie in den anderen ehemaligen Staaten der Union) ein Vakuum entstanden, welches die westliche Lebensart in wenigen Jahren aufgesaugt hat.
So erfährt man aus der Sicht des namenlosen Kontaktmanns von Julia den Placebo-Plan:

„… eine Gesellschaft der Glücklichen, gegründet durch Aussiebung der unbrauchbaren Individuen und Ausfiltern jedes, auch des allerkleinsten Löffels Teer aus dem globalen Honigfass; Gedanken- und Gefühlskontrolle, totale Abhängigkeit der Bürger von Fernseher, Computer und anderen modernen Technologien; Informationsüberschuss, Dutzende unnötiger Fakten pro Minute und Diktatur der Werbung, so dass in meisterhafter Weise eine Ersatzrealität geschafft wurde, in der die Menschen ohne eigene Gedanken, Gefühle und sogar ohne eigenes Schicksal lebten.“

So wird Julia von diesem Kontaktmann ins Placebo-Netzwerk eingeführt und aufgrund der Tatsache, dass sie als Wahrsagerin in Kontakt mit vielen bedeutenden Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft steht, darauf angesetzt, diese Personen auf eine raffiniert unterschwellige Art und Weise zu beeinflussen. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie sagt: „Schluss! Ich diene dem Placebo nicht länger!“