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Paolo Giordano: Die Einsamkeit der Primzahlen

Paolo Giordano: Die Einsamkeit der Primzahlen (Blessing, 2009)

Paolo Giordano: Die Einsamkeit der Primzahlen (Blessing, 2009)

Paolo Giordanos neuester Roman mag dem leidenschaftlichen Mathematikmuffel zunächst aufgrund des Titels ein wenig Angst einjagen, doch bereits nach wenigen Zeilen findet man sich nicht in der Welt der Mathematik, sondern in der Welt zweier Individuen wieder, deren Verbindung zueinander im Laufe ihres Lebens so gar nichts mit der Logik der Zahlen zu tun hat. Mit einer poetischen Sprache und einem einfühlsamen, doch auch klaren Erzählstil lässt uns der Autor an vierundzwanzig Jahren der Leben von Alice und Mattia teilhaben, die beide auf sehr besondere Weise gelernt haben, mit dem Leben umzugehen und manchmal auch, das Leben zu umgehen.

Einem überehrgeizigen Vater verdankt Alice einen Skiunfall im Alter von 6 Jahren, der ihr restliches Leben wesentlich prägen wird. Überfürsorglichen und doch hilflosen Eltern verdankt es Mattia im Alter von 8 Jahren, dass er sich für den Rest seines Lebens für das Schicksal seiner Zwillingsschwester Michela verantwortlich fühlen wird. Als Alice und Mattia sich schließlich im Gymnasium kennen lernen sind sie bereits gefestigt in ihrem Abseits. Abseits ihrer Familien, deren Anforderungen sie nicht erfüllen konnten und wollten, abseits ihrer Schulkollegen und schließlich auch abseits eines normalen Lebens, welches sie mit all den von ihnen gepflegten Neurosen und Geheimnissen als nicht erreichbar und für immer verloren erachten. So verwundert es natürlich nicht weiter, dass gerade diese beiden auf eine sehr eigene und teils auch unverständliche Art eine Verbindung miteinander aufbauen, die trotz Unterbrechungen jahrelang anhält und an der sie wachsen und reifen. Denn auch wenn sowohl Alice als auch Mattia viele Bereiche des Lebens auf Umwegen erkunden, so entlässt uns der Autor am Schluss des Romans mit dem Eindruck, dass die Hoffnung ein Gefühl ist, welches niemandem verwehrt wird, nicht einmal jenen, die sie verloren glaubten.

Die Poesie der Primzahlen, deren distanzierte Relation Mattia mit seiner Verbindung zu Alice vergleicht, scheint nicht nur widersprüchlich, sondern geradezu unmöglich zu sein, und doch erfüllt dieser wissenschaftliche Vergleich hier eine gewisse Funktion, denn wenn das Leben selbst unberechenbar und unsicher scheint, so kann der Rückzug in berechenbare Welten einen gewissen Halt geben. Das vordergründige Thema von Paolo Giordanos Roman beschäftigt sich dann aber doch mehr mit dem Leben wie es sein kann, sein könnte oder auch sein sollte und warum manche Beziehungen prägend für die Zeit der Reifung und des Lernens sind. Alice und Mattia sind nicht miteinander, sie bedingen einander.

Rezension von Yvonne Brandt