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Träume, Blut und Totenehen

Yan Lianke: Der Traum meines Großvaters (Ullstein Verlag, 2009)

Yan Lianke: Der Traum meines Großvaters

Yan Lianke: Der Traum meines Großvaters

Was hätte man aus dieser Geschichte nicht alles machen können: einen Roman mit einem unangenehmen „True Story“-Beigeschmack oder einen skandalheischenden Thriller nach „Outbreak“-Stil. Aber nein: Yan Lianke hat auf dem Hintergrund des chinesischen AIDS-Skandals der vergangenen 90er Jahre ein poetisch kraftvolles, zugleich aber auch betroffen machendes Stück Literatur geschaffen.

Der junge Erzähler Quiang Ding wird von der Bevölkerung eines kleinen Dorfes in der chinesischen Provinz Henan vergiftet, es ist eine Vergeltungsmaßnahme für die Taten seines Vaters, des „Blutchefs“. Sein Großvater legt ihm zwei Wörterbücher mit ins Grab, damit der Junge für seine kommende Erzählung immer die richtigen Worte findet. Das ist der Beginn: er findet die richtigen Worte und breitet vor uns die Geschichte seines Dorfes aus, etwa zehn Jahre nach den Blutsammelaktionen. Das groß angelegte, bürokratisch durchorganisierte, aber medizinisch katastrophale Projekt der chinesischen Regierung, um der Bevölkerung in den rückständigen Provinzen zu ein wenig mehr Geld und Kaufkraft durch den Verkauf ihres Blutes zu verhelfen, hatte zur Folge, dass die Hälfte der Dorfbevölkerung am „Fieber“ erkrankt ist. Die Behörden stigmatisieren zunächst den Begriff AIDS, auch um die Schuld am hygienischen Desaster nicht direkt auf sich zu laden, denn Nadeln wurden für Hunderte Blutspender verwendet, das gesammelte und oft infizierte Blut wurde den Bauern „zurückgeschenkt“.

Lianke lässt den Leser in eine Agrarwelt eintauchen, die von Figuren bevölkert ist, welche selbst in Zeiten des äußersten Elends den eigenen Vorteil auf Kosten der anderen suchen. Das Paradebeispiel ist der Vater des Erzählers, der als großer Organisator der Blutspenden zu Reichtum gekommen ist, aber an diesem Punkt keinerlei Reue für das Geschehene zeigt. Vielmehr macht er auch nach dem Ausbruch des Fiebers Geschäfte mit den Todgeweihten: jeder erkrankte Dorfbewohner hätte Anrecht auf einen Sarg, doch dieser Fakt wird vom „Blutchef“ verheimlicht und er verkauft die Särge in den Nachbardörfern. Auch hier ist noch nicht Schluss: als überaus tüchtiger Geschäftsmann vermittelt er zudem Ehen zwischen bereits ledig Verstorbenen, damit sie zumindest im Paradies einen Partner haben. Der Leser wird auf diese grässlichen Unternehmungen immer wieder vorbereitet, die wohl einzige integere Figur im Roman, der Großvater des Erzählers, träumt die bevorstehenden Vorkommnisse und meist sind dies Albträume, die aber von der Realität einge- und überholt werden.

Doch es gibt sie, die Lichtblicke: mitten im Elend entfaltet sich eine Liebesgeschichte zwischen zwei Erkrankten, die sich über die ruralen Wertevorstellungen (einer Paarung aus Skrupellosigkeit und Obrigkeitsdenken) hinwegsetzen, in den letzten Tagen noch ihr Glück suchen und dieses auch finden.

Wenn Yan Lianke sich im Nachwort für den der Leserin und dem Leser zugefügten Schmerz entschuldigt: am Ende bleibt das Gefühl, ein literarisches Werk gelesen zu haben, das auf leise Weise eigentlich unsagbar Tragisches in schöne Worte kleidet.

Rezension von Tom Fliri

Weiteres zum Thema:

In einer kurzen Passage verweist Lianke auf die Ähnlichkeit zwischen Blutspende-Projekt und „dem großen Sprung nach vorn“ hin(Link zu Wikipedia)

Spiegelartikel zum Thema Aids in China (2003)

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