Eternal Sunshine

James Frey: Strahlend schöner Morgen. Ullstein 2009

James Frey: Strahlend schöner Morgen. Ullstein 2009

Ich sehe die Menschen, die hier leben, zehn, zwölf, irgendwann vielleicht fünfzehn, zwanzig oder fünfundzwanzig Millionen, schwarz, weiß, gelb, braun, Menschen, die getrennt oder zusammen leben, Menschen, die sich lieben, hassen, töten, schlagen oder die sich helfen, alle sind hier, und es werden täglich mehr, sie breiten sich aus, ballen sich, treten und verdrängen sich, täglich werden es mehr. Ich sehe sie kommen.

Dylan und seine Freundin Maddie, beide 19 Jahre jung, fliehen – nicht nur, aber vorwiegend vor ihren Eltern – aus ihrem Heimatkaff in Ohio, um in L.A. eine bessere Zukunft zu suchen und nicht wie ihre Eltern zu enden.

Old Man Joe, Obdachloser und Experte für billigen Chablis, entgegen aller Vermutungen und seines weißen Haares noch nicht mal 40 Jahre alt, verlässt jeden Tag noch vor der Dämmerung seinen Schlafplatz in der Toilette eines Taco-Ladens, um am nahe gelegenen Strand auf „eine Antwort zu warten“.

Amberton Parker, berühmter, steinreicher und überdies fabelhaft aussehender Hollywood-Actionfilm-Blockbuster-Star, als solcher folglich mit variablem und gänzlich irrelevantem Alter gesegnet, führt, um seine Homosexualität vor den Medien geheim zu halten, eine Scheinehe mit Casey, ebenfalls eine berühmte, steinreiche und fabelhaft aussehende Aktrice.

Esperanza Hernandez, die wunderschöne und intelligente Tochter mexikanischer Einwanderer, auf amerikanischem Boden geboren und darum amerikanische Staatsbürgerin, leidet unter ihrer despotischen Chefin Mrs. Campbell, der Unmöglichkeit einer Liebesbeziehung mit deren Sohn Doug und nicht zuletzt an ihren Oberschenkeln.

Dies sind die Protagonisten in James Freys aktuellem L.A.-Roman, deren Geschichten allerdings nur einen Teil der knapp 600 Seiten füllen. Dazwischen finden sich immer wieder (mehr oder weniger) kurze Episoden über schier unzählige Personen, deren berufliches Spektrum sich vom erfolgreichen Freizeitparkbetreiber über einen zum (stereo)typischen, sprich skrupellosen Paparazzo mutierten Fotografen bis hin zum mit Waffen handelnden Misanthropen erstreckt. Diese haben jedoch nichts mit den „eigentlichen“ Geschichten bzw. miteinander zu tun und sind nur durch die Tatsache miteinander verbunden, dass sie zumindest irgendwann einmal zumindest irgendetwas in Los Angeles zu tun hatten.

Doch die Hauptrolle in diesem Roman spielt unbestritten die Stadt selbst, deren Funktion eindeutig über die eines simplen Schauplatzes hinausgeht: Nicht nur, dass alle Abschnitte durch jeweils eine Seite mit historischen Fakten oder Begebenheiten über die Stadt der Engel getrennt sind, die sich meist durch ihre geringe Länge, aber immer durch ihre Position im Zentrum der Buchseite auszeichnen, was ihren besonderen Charakter und Status nochmal herausstreicht; Frey würdigt die Stadt auch, indem er – wiederum unter anderem, versteht sich – den diversen Stadtteilen, den beinahe schon beängstigend vielen Naturkatastrophen in dieser Gegend und den herrschenden Gangs ein eigenes Kapitel widmet – nicht zufällig behandelt die mit Abstand schönste Passage des ganzen Romans lediglich die größten Highways in und um der Stadt.

Durch diese Masse an Informationen und deren Anordnung (Banales steht hier übergangslos neben Schrecklichem) ergibt sich einerseits ein umfangreiches, wirklich stimmiges und dynamisches Bild von Los Angeles (auf die abgenutzte Mosaik-Steinchen-Metapher verzichte ich hier gerne mal), das vielen Auswanderern, egal ob aus China, Chino oder Chihuahua, noch immer als verheißungsvolles Land gilt, wo sich mit etwas Anstrengung, aber nichtsdestotrotz vermeintlich schnell und einfach eine buchstäbliche oder metaphorische Hollywood-Karriere machen lässt, kitschiges Sonnenuntergang-Happyend inklusive.

Andererseits, und das ist das große Manko des Buches, schafft es Frey nicht dauerhaft, die Spannung aufrechtzuerhalten, wenn er die Hauptplots ständig unterbricht: Gerade hat man noch mit Old Man Joe gehofft, genug Geld für den täglichen Alkoholbedarf zu erbetteln, wird man plötzlich brutal herausgerissen und mit Ambertons Geschichte konfrontiert. Oder Esperanzas. Oder Dylans, Maddies, oder von Sonstwem. Oder man erfährt stattdessen unzählige „lustige Tatsachen“ über L.A., die aber nicht immer lustig und auch nicht immer Tatsachen sind. Es stellt sich hier vor allem die Frage, wie, nicht sinnvoll für den Autor, sondern nützlich für den Leser mehrseitige Aufstellungen über Soldateninvaliden, Waffenkäufer und verkaufte Waffen, berühmte Galerien und die schon erwähnten Gangs sind, wenn sie ordentlich aufgestellt, aber unkommentiert (auf den Leser) gelassen werden. Zudem sind beinahe alle Personen und Geschichten arg klischeebeladen und wenig originell, fast alles kennt man schon, von (schlecht recherchierten) Fernsehberichten und, natürlich, ebenso aus Hollywood. (Doch dies ist ja das leidige Problem mit dem Klischee: Es macht auch vor dem Leben nicht Halt.)

Dennoch, „Strahlend schöner Morgen“ ist, bei aller Kritik, ein amüsanter und definitiv lesenswerter Roman – auch sehr leicht und schnell zu lesen, trotz seines Umfangs. Frey schafft es, zu unterhalten und L.A. in all seiner Schönheit, aber auch in all seiner Grausamkeit zu zeigen und so beim Leser ein ambivalentes Gefühl zu hinterlassen: Man will unbedingt an einem bestimmten Ort und gleichzeitig so weit weg wie nur möglich davon sein. In the city of angels, where the sun is always shining.

James Frey: Strahlend schöner Morgen
Ullstein 2009
592 Seiten

Rezension von Simon Zorcatra

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