Benedict Wells: „Spinner“ oder wie man leidenschaftlich leidet…

Benedict Wells: Spinner (Diogenes 2009)

Benedict Wells: Spinner (Diogenes 2009)

Was in den 90ern mit der sogenannten “Popliteratur” begann setzt sich seitdem äußerst erfolgreich fort, wenn auch unter variablen Namen und Bezeichnungen. Ob „Herr Lehmann“, „Vollidiot“ oder „Kaltduscher“, diese Werke, welche man auch als „Loseratur“ bezeichnen könnte, erfreuen sich großer Beliebtheit, geben sie doch direkten Einblick in die modernen Lebenswelten von Menschen, denen alle Möglichkeiten offen stehen und die deshalb erst recht nicht wissen, ob es sich lohnt überhaupt eine eindeutige Entscheidung zu treffen und sich dann auch mit deren Konsequenzen auseinander zu setzen. Denn dafür müsste man das Dosenbier zur Seite stellen und von der Couch aufstehen.

In Benedict Wells’ „Spinner“ hat sich der Hauptprotagonist Jesper zwar sehr eindeutig für einen Weg entschieden und steht mit voller Überzeugung dazu, eines wird jedoch recht schnell klar: Jesper befindet sich auf seinem ganz persönlichen Jakobsweg und als noch unbekannter angehender Erfolgsautor in einer mehr als unterdurchschnittlich komfortablen Kellerwohnung in Berlin lässt es sich besonders leidenschaftlich leiden. Daran kann selbst der lebensfrohe und gut situierte beste Freund Gustav nichts ändern, und auch sonst versteht es Jesper hervorragend, die Menschen in seinem Leben auf Abstand zu halten. Die letzten eineinhalb Jahre seines Lebens waren für ihn aufgrund einer familiären Tragödie äußerst schwierig und geben ihm selbst Grund genug, dass er sich wohl nie in der Gesellschaft zurechtfinden kann oder will und schon gar nicht jemals ein sogenanntes „normales“ Leben führen wird, weshalb er auch Zuflucht in der Anonymität einer derzeit so hippen Großstadt wie eben Berlin sucht. Dies mag dem einen oder anderen Leser nun ein wenig bekannt vorkommen…

Benedict Wells erzählt Jespers Geschichte auf sehr spannende Art und mit subtilem Humor, der jedoch deutlich von den Brachialscherzen, welche man vielleicht von anderen Autoren dieser „Gattung“ gewohnt ist, abweicht. So gelingt es ihm, nicht einfach nur ein weiteres „junger Mann, verloren in den Weiten der Großstadt und den Anforderungen des Lebens“ – Werk zu schreiben, sondern ein Buch, das durchaus ernstzunehmend ist und die eigenen Gedanken anregt.

Rezension von Yvonne Brandt

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