Kategorie-Archiv: Rezensionen

Eternal Sunshine

James Frey: Strahlend schöner Morgen. Ullstein 2009

James Frey: Strahlend schöner Morgen. Ullstein 2009

Ich sehe die Menschen, die hier leben, zehn, zwölf, irgendwann vielleicht fünfzehn, zwanzig oder fünfundzwanzig Millionen, schwarz, weiß, gelb, braun, Menschen, die getrennt oder zusammen leben, Menschen, die sich lieben, hassen, töten, schlagen oder die sich helfen, alle sind hier, und es werden täglich mehr, sie breiten sich aus, ballen sich, treten und verdrängen sich, täglich werden es mehr. Ich sehe sie kommen.

Dylan und seine Freundin Maddie, beide 19 Jahre jung, fliehen – nicht nur, aber vorwiegend vor ihren Eltern – aus ihrem Heimatkaff in Ohio, um in L.A. eine bessere Zukunft zu suchen und nicht wie ihre Eltern zu enden.

Old Man Joe, Obdachloser und Experte für billigen Chablis, entgegen aller Vermutungen und seines weißen Haares noch nicht mal 40 Jahre alt, verlässt jeden Tag noch vor der Dämmerung seinen Schlafplatz in der Toilette eines Taco-Ladens, um am nahe gelegenen Strand auf „eine Antwort zu warten“.

Amberton Parker, berühmter, steinreicher und überdies fabelhaft aussehender Hollywood-Actionfilm-Blockbuster-Star, als solcher folglich mit variablem und gänzlich irrelevantem Alter gesegnet, führt, um seine Homosexualität vor den Medien geheim zu halten, eine Scheinehe mit Casey, ebenfalls eine berühmte, steinreiche und fabelhaft aussehende Aktrice.

Esperanza Hernandez, die wunderschöne und intelligente Tochter mexikanischer Einwanderer, auf amerikanischem Boden geboren und darum amerikanische Staatsbürgerin, leidet unter ihrer despotischen Chefin Mrs. Campbell, der Unmöglichkeit einer Liebesbeziehung mit deren Sohn Doug und nicht zuletzt an ihren Oberschenkeln.

Dies sind die Protagonisten in James Freys aktuellem L.A.-Roman, deren Geschichten allerdings nur einen Teil der knapp 600 Seiten füllen. Dazwischen finden sich immer wieder (mehr oder weniger) kurze Episoden über schier unzählige Personen, deren berufliches Spektrum sich vom erfolgreichen Freizeitparkbetreiber über einen zum (stereo)typischen, sprich skrupellosen Paparazzo mutierten Fotografen bis hin zum mit Waffen handelnden Misanthropen erstreckt. Diese haben jedoch nichts mit den „eigentlichen“ Geschichten bzw. miteinander zu tun und sind nur durch die Tatsache miteinander verbunden, dass sie zumindest irgendwann einmal zumindest irgendetwas in Los Angeles zu tun hatten.

Doch die Hauptrolle in diesem Roman spielt unbestritten die Stadt selbst, deren Funktion eindeutig über die eines simplen Schauplatzes hinausgeht: Nicht nur, dass alle Abschnitte durch jeweils eine Seite mit historischen Fakten oder Begebenheiten über die Stadt der Engel getrennt sind, die sich meist durch ihre geringe Länge, aber immer durch ihre Position im Zentrum der Buchseite auszeichnen, was ihren besonderen Charakter und Status nochmal herausstreicht; Frey würdigt die Stadt auch, indem er – wiederum unter anderem, versteht sich – den diversen Stadtteilen, den beinahe schon beängstigend vielen Naturkatastrophen in dieser Gegend und den herrschenden Gangs ein eigenes Kapitel widmet – nicht zufällig behandelt die mit Abstand schönste Passage des ganzen Romans lediglich die größten Highways in und um der Stadt.

Durch diese Masse an Informationen und deren Anordnung (Banales steht hier übergangslos neben Schrecklichem) ergibt sich einerseits ein umfangreiches, wirklich stimmiges und dynamisches Bild von Los Angeles (auf die abgenutzte Mosaik-Steinchen-Metapher verzichte ich hier gerne mal), das vielen Auswanderern, egal ob aus China, Chino oder Chihuahua, noch immer als verheißungsvolles Land gilt, wo sich mit etwas Anstrengung, aber nichtsdestotrotz vermeintlich schnell und einfach eine buchstäbliche oder metaphorische Hollywood-Karriere machen lässt, kitschiges Sonnenuntergang-Happyend inklusive.

Andererseits, und das ist das große Manko des Buches, schafft es Frey nicht dauerhaft, die Spannung aufrechtzuerhalten, wenn er die Hauptplots ständig unterbricht: Gerade hat man noch mit Old Man Joe gehofft, genug Geld für den täglichen Alkoholbedarf zu erbetteln, wird man plötzlich brutal herausgerissen und mit Ambertons Geschichte konfrontiert. Oder Esperanzas. Oder Dylans, Maddies, oder von Sonstwem. Oder man erfährt stattdessen unzählige „lustige Tatsachen“ über L.A., die aber nicht immer lustig und auch nicht immer Tatsachen sind. Es stellt sich hier vor allem die Frage, wie, nicht sinnvoll für den Autor, sondern nützlich für den Leser mehrseitige Aufstellungen über Soldateninvaliden, Waffenkäufer und verkaufte Waffen, berühmte Galerien und die schon erwähnten Gangs sind, wenn sie ordentlich aufgestellt, aber unkommentiert (auf den Leser) gelassen werden. Zudem sind beinahe alle Personen und Geschichten arg klischeebeladen und wenig originell, fast alles kennt man schon, von (schlecht recherchierten) Fernsehberichten und, natürlich, ebenso aus Hollywood. (Doch dies ist ja das leidige Problem mit dem Klischee: Es macht auch vor dem Leben nicht Halt.)

Dennoch, „Strahlend schöner Morgen“ ist, bei aller Kritik, ein amüsanter und definitiv lesenswerter Roman – auch sehr leicht und schnell zu lesen, trotz seines Umfangs. Frey schafft es, zu unterhalten und L.A. in all seiner Schönheit, aber auch in all seiner Grausamkeit zu zeigen und so beim Leser ein ambivalentes Gefühl zu hinterlassen: Man will unbedingt an einem bestimmten Ort und gleichzeitig so weit weg wie nur möglich davon sein. In the city of angels, where the sun is always shining.

James Frey: Strahlend schöner Morgen
Ullstein 2009
592 Seiten

Rezension von Simon Zorcatra

Vom Verlieren und Finden der Balance

Colum McCann: Die große Welt

Colum McCann: Die große Welt

August 1974: zwischen den beiden Türmen des World Trade Centers balanciert Philip Petit auf einem Seil. Doch dieser Drahtseilakt bildet nicht den Mittelpunkt des Romans von McCann, sondern es ist lediglich der rote Faden, der viele einzelne Geschichten verbindet. Und diese Episoden handeln von Menschen, die 400 Meter tiefer als Petit an ihrem ganz persönlichen „Rand der großen Welt“ leben.

Der erste Teil dieses literarischen New York Kaleidoskops beginnt ironischerweise in Dublin mit der Schilderung der Jugend von Corrigan. Schon in seiner Jugendzeit hat er ein Naheverhältnis mit dem vermeintlichen „Abschaum“ der Gesellschaft: zwielichtige Figuren, Prostituierte, Alkoholiker und Obdachlose. Als Priester kommt Corrigan dann nach New York, um sich an einem der „Ränder der Welt“ um eine Gruppe von Prostituierten in der Bronx zu kümmern. Hin und hergeworfen zwischen Corrigans Zweifel an Gott und Prügeleinheiten durch die Zuhälter entwickelt sich aber zwischen ihm und seinen Damen ein Vertrauensverhältnis.

In einer anderen Episode erhalten wir Einblick in das Leben des jüdischen Ehepaars Solomon und Claire Soderberg oder vielmehr, wie sie mit dem Tod ihres Sohnes umzugehen versuchen, der in Vietnam einem Bombenattentat zum Opfer gefallen ist. Solomon, der Richter, verarbeitet den Tod seines einzigen Sohnes mit Schweigen, Claire versucht es mit darüber sprechen in einer Gruppe von 5 Frauen, die ebenfalls ihre Söhne in Vietnam verloren habe. McCann vermag es in diesem Teil des Romans mit wunderbaren erzählerischen Mitteln das Leid der Soderbergs zu benennen. Der Sohn Joshua war als Computerexperte nach Vietnam gegangen, um das System zu verbessern, mit dem die Amerikaner die Anzahl der Gefallenen zu ermitteln versuchten. Als er in Vietnam stirbt lesen wir nur: „Aus Joshua wurde ein Code.“

McCann bringt uns so noch eine große Anzahl von Lebensgeschichten näher, die sich wiederum an ihren Rändern immer wieder mit den anderen Geschichten überschneiden. Sie alle handeln von Menschen, die ihre Lebensbalance verlieren oder schon verloren haben, ganz im Gegensatz zum Seiltänzer Petit. McCann kleidet Beobachtungen in Sätze von erstaunlicher sprachlicher Präzision und seine Prosa bilderreich zu nennen wäre wohl eine Untertreibung. Für Wortungetüme ist kein Platz und die Dialoge sind von einer erfrischend knackigen Lebendigkeit. Das einzig vielleicht Negative ist der ansonsten gelungene Schluß, hier versucht McCann mit einer allzu großen Unwahrscheinlichkeit die erzählerische Klammer zu schließen. Eines steht jedoch fest: „Die große Welt“ von Colum McCann ist einer der ganz großen Romane des Jahres 2009.

Nachsatz: wenn sie die Möglichkeit haben, den Dokumentarfilm „Man on Wire“ über die Seiltanzaktion von Philip Petit zu sehen, dann tun sie das und sie werden vielleicht besser verstehen, warum McCann dem Franzosen nicht mehr Platz in seinem Roman gewidmet hat.

Colum McCann: Die große Welt
Rowohlt 2009
540 Seiten

Rezension von Tom Fliri

amazon

Katinka Buddenkotte: Ich hatte sie alle

Katinka Buddenkotte: Ich hatte sie alle (DTV, 2009)

Katinka Buddenkotte: Ich hatte sie alle (DTV, 2009)


Der neueste Band mit Erzählungen von Katinka Buddenkotte trägt den Titel „Ich hatte sie alle“ und lässt den geneigten Leser im ersten Moment darauf schließen, dass Frau Buddenkotte nicht unbedingt aus dem Nähkästchen, sondern vielmehr aus dem Nachttischchen plaudert. Doch dem ist nicht so. Vielmehr lässt uns die Autorin an ihrer breitgefächerten Lebenserfahrung teilhaben, welche sich nur am Rande aus diversen Liebhabern zusammensetzt. Denn wer vielseitig, flexibel und abenteuerlustig ist, der kann einiges mehr zum Besten geben als bloße Bettgeschichten, und den Leser auf dieser autobiographischen Tour de force auch bestens unterhalten. Lesegenuss frei nach dem Motto: „Zum Glück ist mir das nicht selbst passiert!“.

Man kann nur froh sein, wenn man selbst bereits sehr früh auf die Begleitung der Mutter beim Shoppen verzichten durfte, denn warum Frau Buddenkotte bekleidungstechnisch einen eher unfreiwillig ausgefallenen Stil pflegt lässt sich auf weniger Glück betreffend ihrer Shoppingbegleitung zurückführen. Dass eine überlebte Krebserkrankung ebenfalls irgendwann ihre Berechtigung als Entschuldigung für sämtliche zwischenmenschliche Inkompetenzen verliert, kann man hier ebenso nachlesen wie die Tatsache, dass nicht nur ein linker Fuß, sondern auch eine Plüschhandtasche durchaus an einer Psychotherapie teilnehmen möchten und dürfen. Und wirklich glücklich darf man sich schätzen, wenn man keine Großmutter hatte, von der man die Kosenamen „Hammerhai“ und „Rübennase“ bekam und die einen beim Besuch an ihrem Krankenbett mit dem nächstbesten Zivildiener verkuppeln möchte, denn „’nen besseren findest du hier nicht“. Außerdem wird auch das Krankheitsbild des „Bassisten“ (ausschließlich Liebesbeziehungen mit ebensolchen), wann es auftritt, wie man es erkennt und was man dagegen tun kann, genau aufgerollt und beschrieben, um etwaige Bildungslücken bei Groupies und allen, die es vielleicht noch werden möchten, zu schließen.

»Metzgerskinder sind oft Vegetarier, Zahnarztkinder leiden unter Mundfäule, und die Kinder der 68er wandern nach Bayern aus, um die CSU wählen zu können. Die nächste Generation wird sich immer auflehnen gegen die Ideale ihrer Eltern, und das zu Recht. Denn nur die Betroffenen können sich vorstellen, was es heißt, in einem Extremistenhaushalt aufgewachsen zu sein, in dem man jeden Morgen mit Mettbrötchen, Zahnpflegefaschismus oder dem Brummen der Getreidemühle geweckt wurde. Da muss man einfach ganz, ganz anders werden.«

Katinka Buddenkotte bringt einen zum Lachen, zeigt alltägliche Situationen in neuem und amüsanten Licht und eröffnet dem Leser neue Sichtweisen, vor allem, wenn es um die Beschreibungen ihrer verschiedenen Jobs geht. Ein Buch zu dem man immer wieder gerne greift, wenn man lachen möchte und einem das eigene Leben gerade zu humorlos ist. Das erleben wir ja alle immer wieder.

Rezension von Yvonne Brandt

Bei Amazon…

Paolo Giordano: Die Einsamkeit der Primzahlen

Paolo Giordano: Die Einsamkeit der Primzahlen (Blessing, 2009)

Paolo Giordano: Die Einsamkeit der Primzahlen (Blessing, 2009)

Paolo Giordanos neuester Roman mag dem leidenschaftlichen Mathematikmuffel zunächst aufgrund des Titels ein wenig Angst einjagen, doch bereits nach wenigen Zeilen findet man sich nicht in der Welt der Mathematik, sondern in der Welt zweier Individuen wieder, deren Verbindung zueinander im Laufe ihres Lebens so gar nichts mit der Logik der Zahlen zu tun hat. Mit einer poetischen Sprache und einem einfühlsamen, doch auch klaren Erzählstil lässt uns der Autor an vierundzwanzig Jahren der Leben von Alice und Mattia teilhaben, die beide auf sehr besondere Weise gelernt haben, mit dem Leben umzugehen und manchmal auch, das Leben zu umgehen.

Einem überehrgeizigen Vater verdankt Alice einen Skiunfall im Alter von 6 Jahren, der ihr restliches Leben wesentlich prägen wird. Überfürsorglichen und doch hilflosen Eltern verdankt es Mattia im Alter von 8 Jahren, dass er sich für den Rest seines Lebens für das Schicksal seiner Zwillingsschwester Michela verantwortlich fühlen wird. Als Alice und Mattia sich schließlich im Gymnasium kennen lernen sind sie bereits gefestigt in ihrem Abseits. Abseits ihrer Familien, deren Anforderungen sie nicht erfüllen konnten und wollten, abseits ihrer Schulkollegen und schließlich auch abseits eines normalen Lebens, welches sie mit all den von ihnen gepflegten Neurosen und Geheimnissen als nicht erreichbar und für immer verloren erachten. So verwundert es natürlich nicht weiter, dass gerade diese beiden auf eine sehr eigene und teils auch unverständliche Art eine Verbindung miteinander aufbauen, die trotz Unterbrechungen jahrelang anhält und an der sie wachsen und reifen. Denn auch wenn sowohl Alice als auch Mattia viele Bereiche des Lebens auf Umwegen erkunden, so entlässt uns der Autor am Schluss des Romans mit dem Eindruck, dass die Hoffnung ein Gefühl ist, welches niemandem verwehrt wird, nicht einmal jenen, die sie verloren glaubten.

Die Poesie der Primzahlen, deren distanzierte Relation Mattia mit seiner Verbindung zu Alice vergleicht, scheint nicht nur widersprüchlich, sondern geradezu unmöglich zu sein, und doch erfüllt dieser wissenschaftliche Vergleich hier eine gewisse Funktion, denn wenn das Leben selbst unberechenbar und unsicher scheint, so kann der Rückzug in berechenbare Welten einen gewissen Halt geben. Das vordergründige Thema von Paolo Giordanos Roman beschäftigt sich dann aber doch mehr mit dem Leben wie es sein kann, sein könnte oder auch sein sollte und warum manche Beziehungen prägend für die Zeit der Reifung und des Lernens sind. Alice und Mattia sind nicht miteinander, sie bedingen einander.

Rezension von Yvonne Brandt

Benedict Wells: „Spinner“ oder wie man leidenschaftlich leidet…

Benedict Wells: Spinner (Diogenes 2009)

Benedict Wells: Spinner (Diogenes 2009)

Was in den 90ern mit der sogenannten “Popliteratur” begann setzt sich seitdem äußerst erfolgreich fort, wenn auch unter variablen Namen und Bezeichnungen. Ob „Herr Lehmann“, „Vollidiot“ oder „Kaltduscher“, diese Werke, welche man auch als „Loseratur“ bezeichnen könnte, erfreuen sich großer Beliebtheit, geben sie doch direkten Einblick in die modernen Lebenswelten von Menschen, denen alle Möglichkeiten offen stehen und die deshalb erst recht nicht wissen, ob es sich lohnt überhaupt eine eindeutige Entscheidung zu treffen und sich dann auch mit deren Konsequenzen auseinander zu setzen. Denn dafür müsste man das Dosenbier zur Seite stellen und von der Couch aufstehen.

In Benedict Wells’ „Spinner“ hat sich der Hauptprotagonist Jesper zwar sehr eindeutig für einen Weg entschieden und steht mit voller Überzeugung dazu, eines wird jedoch recht schnell klar: Jesper befindet sich auf seinem ganz persönlichen Jakobsweg und als noch unbekannter angehender Erfolgsautor in einer mehr als unterdurchschnittlich komfortablen Kellerwohnung in Berlin lässt es sich besonders leidenschaftlich leiden. Daran kann selbst der lebensfrohe und gut situierte beste Freund Gustav nichts ändern, und auch sonst versteht es Jesper hervorragend, die Menschen in seinem Leben auf Abstand zu halten. Die letzten eineinhalb Jahre seines Lebens waren für ihn aufgrund einer familiären Tragödie äußerst schwierig und geben ihm selbst Grund genug, dass er sich wohl nie in der Gesellschaft zurechtfinden kann oder will und schon gar nicht jemals ein sogenanntes „normales“ Leben führen wird, weshalb er auch Zuflucht in der Anonymität einer derzeit so hippen Großstadt wie eben Berlin sucht. Dies mag dem einen oder anderen Leser nun ein wenig bekannt vorkommen…

Benedict Wells erzählt Jespers Geschichte auf sehr spannende Art und mit subtilem Humor, der jedoch deutlich von den Brachialscherzen, welche man vielleicht von anderen Autoren dieser „Gattung“ gewohnt ist, abweicht. So gelingt es ihm, nicht einfach nur ein weiteres „junger Mann, verloren in den Weiten der Großstadt und den Anforderungen des Lebens“ – Werk zu schreiben, sondern ein Buch, das durchaus ernstzunehmend ist und die eigenen Gedanken anregt.

Rezension von Yvonne Brandt

Die Geschichte vom fliehenden Boxer

Jan van Mersbergen: Morgen sind wir in Pamplona (Verlag Antje Kunstmann, 2009)

Jan van Mersbergen: Morgen sind wir in Pamplona (Verlag Antje Kunstmann, 2009)

Der junge niederländische Autor Jan van Mersbergen hat mit „Morgen sind wir in Pamplona“ eine Road Novel geschrieben. Zwei Männer treffen zufällig aufeinander und fahren zum Stierlauf nach Pamplona, dies aber aus sehr unterschiedlichen Gründen.

Danny der Boxer ist auf der Flucht, der Leser weiß nicht wovor, Danny weiß nicht wohin. Der Zufall will es, dass er als Hitchhiker von Robert mitgenommen wird. Letzerer weiß sehr wohl, wohin er will und zwar, wie seit vielen Jahren, zum Stierlauf in Pamplona. Diese ‚rituelle‘ jährliche Reise, Robert sieht sie als ‚Turbowallfahrt‘, gestaltet sich dieses Mal durch seinen Mitfahrer etwas anders. Der mitteilsame Robert ist erfreut über den unerwarteten Ansprechpartner, doch Danny – wie es sich für einen Boxer gehört – bleibt über lange Strecken stumm, für ihn ist die Fahrt ein Film, das Autofenster ist der Fernseher und die vorbeifliegende Landschaft das Programm. Nur langsam wird Danny gesprächiger und ebenso langsam wird die Vorgeschichte der Flucht vor den Augen des Lesers aufgerollt.

Der erzählerische Höhepunkt des Romans ist die Beschreibung des Stierlaufs in Pamplona, festgehalten wie mit einer filmischen Schnitttechnik, Mersbergen mixt die Geschehnisse des Neo-Stierläufers Danny mit Szenen aus einem seiner Boxkämpfe und als Danny aus einer Art Trance wieder erwacht, ist etwas mit Robert geschehen.

„Morgen sind wir in Pamplona“ ist die Geschichte des Gefangenseins des Menschen in der jeweils eigenen Welt, sei es der Boxring von Danny oder die 40 Stundenwoche von Robert. Beide suchen einen Weg aus ihren Strukturen und Vorgeschichten auszubrechen, aber im Grunde sind sie hilflos wie die Hühner auf der Autobahn nach einem LKW-Unfall, die nicht fortlaufen können, weil sie die Gefangenschaft gewohnt sind.

Rezension von Tom Fliri

Träume, Blut und Totenehen

Yan Lianke: Der Traum meines Großvaters (Ullstein Verlag, 2009)

Yan Lianke: Der Traum meines Großvaters

Yan Lianke: Der Traum meines Großvaters

Was hätte man aus dieser Geschichte nicht alles machen können: einen Roman mit einem unangenehmen „True Story“-Beigeschmack oder einen skandalheischenden Thriller nach „Outbreak“-Stil. Aber nein: Yan Lianke hat auf dem Hintergrund des chinesischen AIDS-Skandals der vergangenen 90er Jahre ein poetisch kraftvolles, zugleich aber auch betroffen machendes Stück Literatur geschaffen.

Der junge Erzähler Quiang Ding wird von der Bevölkerung eines kleinen Dorfes in der chinesischen Provinz Henan vergiftet, es ist eine Vergeltungsmaßnahme für die Taten seines Vaters, des „Blutchefs“. Sein Großvater legt ihm zwei Wörterbücher mit ins Grab, damit der Junge für seine kommende Erzählung immer die richtigen Worte findet. Das ist der Beginn: er findet die richtigen Worte und breitet vor uns die Geschichte seines Dorfes aus, etwa zehn Jahre nach den Blutsammelaktionen. Das groß angelegte, bürokratisch durchorganisierte, aber medizinisch katastrophale Projekt der chinesischen Regierung, um der Bevölkerung in den rückständigen Provinzen zu ein wenig mehr Geld und Kaufkraft durch den Verkauf ihres Blutes zu verhelfen, hatte zur Folge, dass die Hälfte der Dorfbevölkerung am „Fieber“ erkrankt ist. Die Behörden stigmatisieren zunächst den Begriff AIDS, auch um die Schuld am hygienischen Desaster nicht direkt auf sich zu laden, denn Nadeln wurden für Hunderte Blutspender verwendet, das gesammelte und oft infizierte Blut wurde den Bauern „zurückgeschenkt“.

Lianke lässt den Leser in eine Agrarwelt eintauchen, die von Figuren bevölkert ist, welche selbst in Zeiten des äußersten Elends den eigenen Vorteil auf Kosten der anderen suchen. Das Paradebeispiel ist der Vater des Erzählers, der als großer Organisator der Blutspenden zu Reichtum gekommen ist, aber an diesem Punkt keinerlei Reue für das Geschehene zeigt. Vielmehr macht er auch nach dem Ausbruch des Fiebers Geschäfte mit den Todgeweihten: jeder erkrankte Dorfbewohner hätte Anrecht auf einen Sarg, doch dieser Fakt wird vom „Blutchef“ verheimlicht und er verkauft die Särge in den Nachbardörfern. Auch hier ist noch nicht Schluss: als überaus tüchtiger Geschäftsmann vermittelt er zudem Ehen zwischen bereits ledig Verstorbenen, damit sie zumindest im Paradies einen Partner haben. Der Leser wird auf diese grässlichen Unternehmungen immer wieder vorbereitet, die wohl einzige integere Figur im Roman, der Großvater des Erzählers, träumt die bevorstehenden Vorkommnisse und meist sind dies Albträume, die aber von der Realität einge- und überholt werden.

Doch es gibt sie, die Lichtblicke: mitten im Elend entfaltet sich eine Liebesgeschichte zwischen zwei Erkrankten, die sich über die ruralen Wertevorstellungen (einer Paarung aus Skrupellosigkeit und Obrigkeitsdenken) hinwegsetzen, in den letzten Tagen noch ihr Glück suchen und dieses auch finden.

Wenn Yan Lianke sich im Nachwort für den der Leserin und dem Leser zugefügten Schmerz entschuldigt: am Ende bleibt das Gefühl, ein literarisches Werk gelesen zu haben, das auf leise Weise eigentlich unsagbar Tragisches in schöne Worte kleidet.

Rezension von Tom Fliri

Weiteres zum Thema:

In einer kurzen Passage verweist Lianke auf die Ähnlichkeit zwischen Blutspende-Projekt und „dem großen Sprung nach vorn“ hin(Link zu Wikipedia)

Spiegelartikel zum Thema Aids in China (2003)

Der Traum meines Großvaters (bei Amazon)
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Ivana Jeissing: Felsenbrüter

Ivana Jeissnig: Felsenbrüter

Ivana Jeissnig: Felsenbrüter

Wer hat nicht schon einmal die Liebe gefunden und dachte, der Spruch „in guten wie in schlechten Zeiten bis das der Tod euch scheidet“ würde nun seine Wahrheit beweisen? Nur um nach einigen Jahren festzustellen, dass nicht der Tod, sondern der Alltag, ambitioniertes Karrieredenken oder eine wesentlich jüngere Frau gemeinsam mit einem weltlichen Scheidungsrichter die Trennung in die Wege leiten würden.

Martha hat Tom nach über 12 Jahren Ehe an seine Karriere und eine junge Erbin verloren und steht nun vor den Trümmern, die einmal ihr Leben waren. Sie trauert, hofft und wartet, und vor allem möchte sie einen Weg finden, dieses Drama hinter sich zu lassen, neue Kraft zu schöpfen und doch noch ihren Punkt, ihre Heimat zu finden. Was für sie gleichbedeutend ist mit einem Mann. Eine Reise mit ihrer eigenwilligen Tante Maud auf die Kanalinsel Sark scheint eine willkommene Abwechslung, und obwohl Tante Maud als studierte Physikerin weniger mit Romantik, dafür aber mehr mit wissenschaftlicher Welterklärung anzufangen weiß, entwickelt sie sich doch zu einer wertvollen Stütze für Martha, welche durch ihre Tante lernt, dass man das Leben auch anders leben kann. Nicht so verkrampft unkonventionell wie Marthas Hippie – Eltern, aber auch nicht so bemüht konventionell, wie Martha es lange Zeit versucht hat, um dem Erbe ihrer antiautoritären Eltern zu entfliehen. Dass sich im Laufe der Reise nicht nur Marthas Herz langsam wieder öffnet, sondern auch Maud mit ihren stolzen 70 Jahren noch einmal die Liebe findet, zeigt, dass „bis das der Tod euch scheidet“ ein dehnbarer Begriff ist und man den Fluss des Lebens nicht aufhalten kann und schon gar nicht soll. Schließlich möchte niemand zweimal im Leben die exakt gleiche Erfahrung machen.

Es gibt Bücher von denen man sich wünscht, sie würden nie enden, man möchte die Protagonisten weiter auf ihrem Weg begleiten, man ist neugierig, was noch passiert und genießt die Sprache und den Erzählstil. Ivana Jeissnig ist mit „Felsenbrüter“ so ein Werk gelungen, ihre feine Ironie macht das Buch trotz eines eher schweren Themas leicht und man gewinnt den Eindruck, dass auch Liebeskummer irgendwann wieder vorbei geht, und man dann nicht nur stärker, sondern auch klüger aus diesem Tal heraustritt. Ein Wissen, dass schon vielfach literarisch verarbeitet wurde, selten jedoch so gelungen wie in diesem Buch. Das leider auch irgendwann „vorbei geht“.
Das Buch bei Librido.at
Rezension von Yvonne Brandt

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Véronique Olmi: Die Promenade

Veronique Olmi: Die Promenade

Veronique Olmi: Die Promenade

Das Schicksal der russischen Zarenfamilie Romanow wurde schon in vielen Werken und auf unzählige verschiedene Arten bearbeitet, doch Véronique Olmi verbindet diese historischen Ereignisse in ihrem neuesten Werk mit der Geschichte einer recht eigenwilligen Beziehung zwischen Großmutter und Enkelin, die sich im Laufe des Werkes auf individuelle Art voneinander emanzipieren, um schlussendlich wirklich zueinander zu finden.

„Du hättest die Revolution niemals überlebt.“. Diesen Satz hört die dreizehnjährige Sonja immer wieder von ihrer Babuschka, bei welcher sie wohnt. Babuschka ist eine russische Immigrantin, welche sich mit ihrer Familie an der Côte d’Azur niedergelassen, ihr Herz und ihre Leidenschaft jedoch an das Russland vor der Revolution und die Zarenfamilie verloren hat. Sonja erzählt uns als früh gereifte Erzählerin von ihrem ungewöhnlichen Leben mit der Großmutter, welches geprägt ist von strengen Regeln und Gepflogenheiten, Ängsten und Sorgen um Sonja und sich selbst. Was Sonja am meisten verwundert, aber auch verärgert, ist Babuschkas Starrsinn in Bezug auf die Geschichte der Prinzessin Anastasia Romanow, denn die Großmutter hat es sich zur Gewohnheit gemacht, in regelmäßigen Abständen Briefe an den Chefredakteur des Magazins „Historia“ zu schreiben, um ihn über die wahren Umstände von Anastasias Existenz aufzuklären. Babuschka kennt die Wahrheit, will diese aber nur mit besonderen Personen teilen, zu welchen Sonja leider nicht gehört. Doch Sonja hat sich schon lange daran gewöhnt, auf sich selbst gestellt in einer eigenen Welt zu leben, da die Erwachsenen in ihrem Leben ihr nicht die gewünschte Sicherheit geben können oder wollen.  Wie so oft aber verlangen unvorhergesehen eintretende Ereignisse von allen Beteiligten ein plötzliches Umdenken, ein Aufbrechen der Strukturen und Muster und schlussendlich die Offenbarung, dass manche Beziehungen wichtiger sind, als man sie womöglich wahrnimmt.

Véronique Olmi führt uns in diesem Buch in die ihr aus ihrer eigenen Kindheit vertrauten Welt der russischen Emigranten in ihrer Heimatstadt Nizza ein und lässt uns an einer ganz besonderen Geschichte zweier Menschen teilhaben, die gegensätzlicher nicht sein könnten und einander doch viel bedeuten. Mit ihrer klaren Sprache und einem feinsinnigen Humor bringt sie dem Leser eine Welt nahe, die in dieser Weise heute nicht mehr existiert.

Das Buch bei Librido.at
Rezension von Yvonne Brandt

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