6. Etappe: Finnland

Arto Paasilinna: Der wunderbare Massenselbstmord (bei Amazon)

Arto Paasilinna: Der wunderbare Massenselbstmord (bei Amazon)

Was geschieht, wenn ein Selbstmörder von einem Selbstmörder gestört wird?
Arto Paasilinna entwickelt aus dieser eigenartigen Situation eine schräge Geschichte.
Die beiden Protagonisten Onni Rellonnen und Hermanni Kemppainen haben sich gegenseitig bei ihrem Vorhaben gestört, sich das Leben zu nehmen und sehen darin keinen Zufall, sondern ein Zeichen dafür, andere potentielle Selbstmörder in ihr Boot zu holen. Dazu müssen sie diese Selbstmordkandidaten aber erst aufspüren. Das gelingt ihnen mit einer Zeitungsannonce, die ein verblüffendes Echo erhält. So treffen sich Dutzende Suizidgefährdete in Helsinki zu einem Stelldichein u.a. mit einem psychologischen Vortrag zum gemeinsamen Thema, aber auch mit Essen und Trinken.
Unter den anderen “Selbstmördern” findet sich auch ein frustrierter Busunternehmer, der dann die Idee entwickelt, man könnte ja gemeinsam mit dem Bus in den Tod fahren (nachdem man den kollektiven Selbstmord mit einem abgetakelten Dampfer als zu “gefährlich” hält). So beginnt eine Rundreise durch Finnland, bei der die Gruppe andere sich bekennende Selbsmordanwärter aus ihrem verfahrenen sozialen Umfeld entreißt und einen Sitzplatz im komfortablen Reisebus anbietet. Bald wird der Plan geschmiedet sich mit diesem Bus über die Klippe am Nordkap in den gemeinsamen Tod zu stürzen und sofort wählt der Busunternehmer die entsprechende Route. Doch irgendwie fährt der Bus schneller als der Selbstmordwunsch der Reisenden und am Nordkap angekommen ist sich die Gruppe (mit wenigen Ausnahmen) einig, dass das gemeinsame Reisen etwas sehr Angenehmes zu sein scheint. So wird also ein nächstes Suizidziel gewählt: eine Schlucht in den Schweizer Alpen wird als besonders reizvoll empfunden und die Gruppe fährt durch halb Europa, um in der Schweiz dann von den korrekten Eidgenossen von ihrem Plan wiederum abgehalten zu werden.
Immer weiter wird das gemeinsame Ende hinausgeschoben: nun soll der Bus am Ende Europas in Portugal ins Meer gesteuert werden, aber inzwischen ist der Suizidwunsch schon weit hinter dem Reisebus zurückgeblieben.

5. Etappe: Schweden

Mikael Niemi: Populärmusik aus Vittula

Mikael Niemi: Populärmusik aus Vittula

Ein furioser Beginn: Auf einem Bergpass im Himalaya sitzt ein Mann fest. Er hat einen folgenschweren Fehler begangen, denn er hat eine tibetische Gebetsplatte aus Metall geküsst, aus Freude über das erreichte Ziel, und bleibt mit der Zunge am eiskalten Metall hängen. Er gerät in Panik, sieht sich schon dem sicheren Erfrierungstod ausgeliefert, bis ihm die Idee kommt, sich mit dem eigenen Urin in einer Tasse loszueisen. Es gelingt ihm und aus Freude darüber, beginnt er die Geschichte seiner Jugend und seines Freundes Niila zu erzählen.
Es ist die Geschichte, wie der Asphalt und die Rock ‘n Roll Musik in seinem kleinen nordschwedischen Dörfchen Payala Einzug halten. Eingeflochten in die musikalische Entwicklung der beiden Protagonisten Matti (der Erzähler) und Niila sind wunderbar komische Figuren: ein kinderverachtender und schuhewerfender Schulmeister, Niilas religiös entrückter Vater, ein als Einsiedler lebender Transvestit, ein polyglotter Priester aus dem Kongo, ein sechsfingriger fahrradfanatischer Musiklehrer und viele andere verschrobene Typen. Highlights des Romans sind verschiedene Episoden, wie z.B. die Hochzeitsfeier eines Schweden mit einer Finnin, die dann in einem “Krieg” der Familien ausartet und für den Erzähler in einer Begegnung mit einer üppigen männerfressenden Finnin endet. Aber auch der 70er von Mattis Großvater im Kreise seiner Jagdkollegen ist ein Garant für so manchen Schmunzler.
Aber im Vordergrund bleibt immer die Faszination, welche die Rock ‘n Roll Musik auf die beiden Jungen ausübt. Durch den Erwerb einer Beatles-Single entdecken Matti und Niila ihre wahre Leidenschaft und gründen die wohl erste Rockband am Polarkreis, aber auch die Gewissheit, dass sie wohl das kleine Payala verlassen müssen, um ihre Musikleidenschaft ausleben zu können.
“Populärmusik aus Vittula” ist eine unvergessliche Geschichte, v.a. wenn man sich auch die wunderbare Verfilmung des Romans von Mikael Niemi aus dem Jahr 2004 gönnt.

4. Etappe: Norwegen

Lars Saabye Christensen: Der Alleinunterhalter

Lars Saabye Christensen: Der Alleinunterhalter

Lars Saabye Christensen ist einer der norwegischen Schriftsteller, die es geschafft haben, ohne auf der skandinavischen Krimiwelle mitzuschwimmen, sich im deutschen Buchmarkt zu etablieren. Inzwischen gibt es ein gutes Dutzend Romane von Christensen auf deutsch.

“Der Alleinunterhalter” (norw. “Jubel”) spielt in Nordnorwegen, auf einer der unzähligen Inseln im Atlantik. Ähnlich wie Dylan Thomas in seinem “Under Milkwood” das walisische Dorf Llareggub mitsamt seiner unzähligen verschrobenen Einwohner beschreibt, lässt Christensen seinen Protagonisten in die eigenartige Welt einer kleinen abgelegenen Stadt am Polarkreis untertauchen. Jonatan Griff, der Alleinunterhalter, ist ein ziemlich erfolgloser Pianist, der auf der Flucht vor seiner Vergangenheit und vor allem vor seiner dominanten Mutter, ein Engagement im einzigen Hotel des Ortes erhält. Im Laufe der Erzählung lernt Griff ganz besondere Figuren und deren Geschichten kennen: den rüpelhaften golffanatischen Hotelbesitzer, der um zu seinem Golfplatz zu kommen, quasi über Leichen geht (er würde einen vermutlichen Wikingerfriedhof für die Freunde des kleinen weißen Balles opfern) und dessen Tochter Luise, auf die Griff schon bald ein Auge wirft. Sehr freundlich wird Griff von den beiden Rezeptionistinnen des Hotels empfangen, die trotz ihrer großen physiologischen Unterschiede (Körbchengröße A versus D) dieselbe Uniform tragen müssen. Schließlich muß der Golfplatz ja finanziert werden. :-)

Doch am Ende wird Griff “gefunden” und aus seinem freiwilligen Exil gerissen, von seiner Mutter:


“Ich verstecke mich nicht. Wie hast du mich gefunden?”
“Jetzt paß aber auf, Jonatan. Wie um alles in der Welt hätte ich dich denn finden können, wenn du dich nicht versteckt hättest?”

Um dem von der Mutter eingefädelten Konzert in Oslo zu entgehen, entschließt Griff eine radikalen Schritt zu tun. Welcher das ist, soll hier natürlich nicht verraten werden.

3. Etappe: Island

herzort

Steinunn Sigurdardóttir: Herzort (bei Amazon)

Erstaunlicherweise gibt es Perlen im Nordatlantik, aber keine natürlich entstandenen, sondern literarische. Dazu gehört sicherlich der Roman „Herzort“ der isländischen Autorin Steinunn Sigurdardóttir.

Je faszinierter man von einer Geschichte ist, umso schwerer lässt sich darüber schreiben, erst mit einer gewissen zeitlichen Distanz wird verständlich, was an einem Buch so mitreißend ist. Bei Herzort ist es v.a. die virtuose Sprache (die trotz oder gerade wegen der guten Übersetzung so gefällt) und der oft nicht einfache Aufbau des Romans. Lustig wirbelt Sigurdardóttir Erzählzeiten und –perspektiven durcheinander, dass die Lektüre sowohl anstrengend, als auch anregend ist.
Die Geschichte ist schnell erzählt: drei Frauen (Mutter, deren Freundin und die Tochter) machen sich auf die Reise von Rekjavik an das Ostende von Island. Grund für die Fahrt ist aber nicht die Sehnsucht nach Urlaub, sondern der Wunsch, die Tochter aus den Fängen einer äußerst drogenaffinen Jugendgruppe zu entreißen. Aber aus der Fluchtgeschichte der drei Frauen entwickelt sich im Laufe des Romans eher eine Reise in die Vergangenheit der noch jungen Mutter Harpa Eir, die sich in dieser schwierigen Phase ihres „Tochtermonsters“ Edda an ihre eigene Geschichte erinnert. Und diese ihre Geschichte ist vor allem durch ihr ganz und gar nicht isländisches Aussehen geprägt. Langsam kristallisiert sich die wahre Herkunft von Harpa heraus und derart macht auch sie mit dieser Fahrt durch Island eine Entdeckungsreise in das eigene Ich.
Was „Herzort“ noch als literarische Perle qualifiziert sind die eindrücklichen Landschaftsbeschreibungen, die den Roman zu einer wunderbaren Reise im Kopf durch diese wunderbare Insel im hohen Norden werden lässt.

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2. Etappe: (Nord)Irland

Manche Bücher sollten auch in Apotheken und Drogerien erhältlich sein, im Regal gleich neben den Johanniskrautkapseln und anderen Stimmungsaufhellern. Zu diesen Büchern gehört auch ‘Eureka Street, Belfast’ von Robert McLiam Wilson. In einem vom IRA Bombenterror und Armut gezeichneten Belfast beschreibt Wilson die mit humorvollen Episoden gespickte Geschichte einer Clique von Mitzwanzigern, die sich mit Geselligkeit, Alkohol (aber nicht exzessiv, wie man es von Iren vielleicht erwarten würde) und Gelegenheitsjobs durchs Leben schlagen.
Die zentrale Figur ist Chuckie, der aus einer ‘promi’-süchtigen Familie stammt. Dieser Sucht entspringen auch die amüsantesten Stellen des Buches, wie z.B. der Besuch des Papstes in Belfast. Chuckie, einer der Protestanten der Clique – Wilson klärt den Leser auch auf, dass diese konfessionellen Unterschiede nur politisch von Bedeutung sind, nicht aber für das reale Zusammenleben der Belfaster – macht für den Papst eine “Ausnahme”, der ja bekanntlich katholisch ist, aber doch so berühmt, dass Chuckie ein Auge zudrückt und sich den Katholiken-Event gibt. Was sich aus dieser Ausnahme und dem daraus resultierenden ‘Chuckie gibt dem Papst die Hand’-Foto ergibt ist ausserordentlich witzig. Ein weiterer Höhepunkt ist der wirtschaftliche Erfolg, den Chuckie mit einem einzigen Riesendildo erzielt.

Trotz des Pulverfass-Szenarios ‘Belfast’ gelingt es dem Autor, dass man als Leser diese Stadt und ihre Bewohner ins Herz schließt. Das macht Wilson z.B. in der Bombenanschlag-Szene des Buches sehr einfühlsam und alles andere als effekthaschend.

Eine uneingeschränke Leseempfehlung für alle, die es auch mal gerne eine Portion deftiger mögen!

1. Etappe: England und Wales

Jasper Fforde: Der Fall Jane Eyre (bei Amazon)

Jasper Fforde: Der Fall Jane Eyre (bei Amazon)


“Der Fall Jane Eyre” ist ein literarischer Hochseilakt zwischen Thriller, Fantasy und Parodie und handelt in einem England der Zukunft, in dem Bücher eine ganz besondere Rolle spielen.
Dem Waliser Jasper Fforde gelingt es, ein Buch zu schreiben, in das der Leser genauso eintauchen kann, wie dessen Hauptfiguren in den Klassiker “Jane Eyre”. Es ist aber überhaupt nicht so, dass man in der englischen Literaturgeschichte beheimatet sein muss, um von der Geschichte amüsiert zu sein. Aber das Entführen der “kleinen” literarischen Figur Mr. Quaverley aus einem Charles Dickens-Roman durch DEN Bösewicht in Ffordes Roman ist einfach aberwitzig. Dies ist aber nur der krimininalistische Aperitif zum “Fall Jane Eyre”. Immer wieder bemerkt man auch Anlehnungen an das Film-Sujet “James Bond”. Nur ist es in Ffordes Roman eine weibliche Agentin/Protagonistin mit Namen Thursday Next von der Literaturpolizei SO-27. Es gibt gewissermaßen auch einen Mister Q in der Geschichte, es ist der Onkel von Next, der die Leserschaft mit seinen skurrilen Erfindungen zum Schmunzeln bringt.

Die literaturfanatischen Bewohner des anderen Englands im Roman gehen soweit, dass sie sich Künstlernamen aussuchen, natürlich von Literaten, es gibt neben tausenden Miltons und William Blakes auch viele Fans des Dichter Alfred Tennyson:

Nach einem Zwischenfall in einem Pub, bei dem sowohl der Angreifer, das Opfer, der Zeuge, der Wirt, der festnehmende Polizist als auch der Richter Alfred Tennyson hießen, war ein Gesetz verabschiedet worden, das sämtliche Namensvettern und -schwestern verpflichtete, sich eine Kennnummer hinters Ohr tätowieren zu lassen.

Solche und viele weitere ungewöhnliche Einfälle lassen die Lektüre zu einem Vergnügen werden. Und der Vergleich mit den Monty Pythons auf dem Klappentext (Klappentexte sind ja bekanntlich ganz schlimme Schwindler) ist korrekt, beim Lesen tritt einige Male das berühmte “Ministry of Silly Walk” vor Augen. Hinzu kommen auch einige kleine Exkursionen zu anderen Klassikern der englischen Literaturgeschichte.

Einen Haken hat aber das Erlebnis “Der Fall Jane Eyre”, es gibt noch weitere Bände in der Reihe Thursday Next. Die kann ich wohl erst in einigen Monaten lesen. Jetzt ist es aber Zeit für “Eureka Street, Belfast”.

Jasper Fforde “Der Fall Jane Eyre”
DTV 2007
384 Seiten

Träume, Blut und Totenehen

Yan Lianke: Der Traum meines Großvaters (Ullstein Verlag, 2009)

Yan Lianke: Der Traum meines Großvaters

Yan Lianke: Der Traum meines Großvaters

Was hätte man aus dieser Geschichte nicht alles machen können: einen Roman mit einem unangenehmen „True Story“-Beigeschmack oder einen skandalheischenden Thriller nach „Outbreak“-Stil. Aber nein: Yan Lianke hat auf dem Hintergrund des chinesischen AIDS-Skandals der vergangenen 90er Jahre ein poetisch kraftvolles, zugleich aber auch betroffen machendes Stück Literatur geschaffen.

Der junge Erzähler Quiang Ding wird von der Bevölkerung eines kleinen Dorfes in der chinesischen Provinz Henan vergiftet, es ist eine Vergeltungsmaßnahme für die Taten seines Vaters, des „Blutchefs“. Sein Großvater legt ihm zwei Wörterbücher mit ins Grab, damit der Junge für seine kommende Erzählung immer die richtigen Worte findet. Das ist der Beginn: er findet die richtigen Worte und breitet vor uns die Geschichte seines Dorfes aus, etwa zehn Jahre nach den Blutsammelaktionen. Das groß angelegte, bürokratisch durchorganisierte, aber medizinisch katastrophale Projekt der chinesischen Regierung, um der Bevölkerung in den rückständigen Provinzen zu ein wenig mehr Geld und Kaufkraft durch den Verkauf ihres Blutes zu verhelfen, hatte zur Folge, dass die Hälfte der Dorfbevölkerung am „Fieber“ erkrankt ist. Die Behörden stigmatisieren zunächst den Begriff AIDS, auch um die Schuld am hygienischen Desaster nicht direkt auf sich zu laden, denn Nadeln wurden für Hunderte Blutspender verwendet, das gesammelte und oft infizierte Blut wurde den Bauern „zurückgeschenkt“.

Lianke lässt den Leser in eine Agrarwelt eintauchen, die von Figuren bevölkert ist, welche selbst in Zeiten des äußersten Elends den eigenen Vorteil auf Kosten der anderen suchen. Das Paradebeispiel ist der Vater des Erzählers, der als großer Organisator der Blutspenden zu Reichtum gekommen ist, aber an diesem Punkt keinerlei Reue für das Geschehene zeigt. Vielmehr macht er auch nach dem Ausbruch des Fiebers Geschäfte mit den Todgeweihten: jeder erkrankte Dorfbewohner hätte Anrecht auf einen Sarg, doch dieser Fakt wird vom „Blutchef“ verheimlicht und er verkauft die Särge in den Nachbardörfern. Auch hier ist noch nicht Schluss: als überaus tüchtiger Geschäftsmann vermittelt er zudem Ehen zwischen bereits ledig Verstorbenen, damit sie zumindest im Paradies einen Partner haben. Der Leser wird auf diese grässlichen Unternehmungen immer wieder vorbereitet, die wohl einzige integere Figur im Roman, der Großvater des Erzählers, träumt die bevorstehenden Vorkommnisse und meist sind dies Albträume, die aber von der Realität einge- und überholt werden.

Doch es gibt sie, die Lichtblicke: mitten im Elend entfaltet sich eine Liebesgeschichte zwischen zwei Erkrankten, die sich über die ruralen Wertevorstellungen (einer Paarung aus Skrupellosigkeit und Obrigkeitsdenken) hinwegsetzen, in den letzten Tagen noch ihr Glück suchen und dieses auch finden.

Wenn Yan Lianke sich im Nachwort für den der Leserin und dem Leser zugefügten Schmerz entschuldigt: am Ende bleibt das Gefühl, ein literarisches Werk gelesen zu haben, das auf leise Weise eigentlich unsagbar Tragisches in schöne Worte kleidet.

Rezension von Tom Fliri

Weiteres zum Thema:

In einer kurzen Passage verweist Lianke auf die Ähnlichkeit zwischen Blutspende-Projekt und „dem großen Sprung nach vorn“ hin(Link zu Wikipedia)

Spiegelartikel zum Thema Aids in China (2003)

Der Traum meines Großvaters (bei Amazon)
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Ivana Jeissing: Felsenbrüter

Ivana Jeissnig: Felsenbrüter

Ivana Jeissnig: Felsenbrüter

Wer hat nicht schon einmal die Liebe gefunden und dachte, der Spruch „in guten wie in schlechten Zeiten bis das der Tod euch scheidet“ würde nun seine Wahrheit beweisen? Nur um nach einigen Jahren festzustellen, dass nicht der Tod, sondern der Alltag, ambitioniertes Karrieredenken oder eine wesentlich jüngere Frau gemeinsam mit einem weltlichen Scheidungsrichter die Trennung in die Wege leiten würden.

Martha hat Tom nach über 12 Jahren Ehe an seine Karriere und eine junge Erbin verloren und steht nun vor den Trümmern, die einmal ihr Leben waren. Sie trauert, hofft und wartet, und vor allem möchte sie einen Weg finden, dieses Drama hinter sich zu lassen, neue Kraft zu schöpfen und doch noch ihren Punkt, ihre Heimat zu finden. Was für sie gleichbedeutend ist mit einem Mann. Eine Reise mit ihrer eigenwilligen Tante Maud auf die Kanalinsel Sark scheint eine willkommene Abwechslung, und obwohl Tante Maud als studierte Physikerin weniger mit Romantik, dafür aber mehr mit wissenschaftlicher Welterklärung anzufangen weiß, entwickelt sie sich doch zu einer wertvollen Stütze für Martha, welche durch ihre Tante lernt, dass man das Leben auch anders leben kann. Nicht so verkrampft unkonventionell wie Marthas Hippie – Eltern, aber auch nicht so bemüht konventionell, wie Martha es lange Zeit versucht hat, um dem Erbe ihrer antiautoritären Eltern zu entfliehen. Dass sich im Laufe der Reise nicht nur Marthas Herz langsam wieder öffnet, sondern auch Maud mit ihren stolzen 70 Jahren noch einmal die Liebe findet, zeigt, dass „bis das der Tod euch scheidet“ ein dehnbarer Begriff ist und man den Fluss des Lebens nicht aufhalten kann und schon gar nicht soll. Schließlich möchte niemand zweimal im Leben die exakt gleiche Erfahrung machen.

Es gibt Bücher von denen man sich wünscht, sie würden nie enden, man möchte die Protagonisten weiter auf ihrem Weg begleiten, man ist neugierig, was noch passiert und genießt die Sprache und den Erzählstil. Ivana Jeissnig ist mit „Felsenbrüter“ so ein Werk gelungen, ihre feine Ironie macht das Buch trotz eines eher schweren Themas leicht und man gewinnt den Eindruck, dass auch Liebeskummer irgendwann wieder vorbei geht, und man dann nicht nur stärker, sondern auch klüger aus diesem Tal heraustritt. Ein Wissen, dass schon vielfach literarisch verarbeitet wurde, selten jedoch so gelungen wie in diesem Buch. Das leider auch irgendwann „vorbei geht“.
Das Buch bei Librido.at
Rezension von Yvonne Brandt

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Véronique Olmi: Die Promenade

Veronique Olmi: Die Promenade

Veronique Olmi: Die Promenade

Das Schicksal der russischen Zarenfamilie Romanow wurde schon in vielen Werken und auf unzählige verschiedene Arten bearbeitet, doch Véronique Olmi verbindet diese historischen Ereignisse in ihrem neuesten Werk mit der Geschichte einer recht eigenwilligen Beziehung zwischen Großmutter und Enkelin, die sich im Laufe des Werkes auf individuelle Art voneinander emanzipieren, um schlussendlich wirklich zueinander zu finden.

„Du hättest die Revolution niemals überlebt.“. Diesen Satz hört die dreizehnjährige Sonja immer wieder von ihrer Babuschka, bei welcher sie wohnt. Babuschka ist eine russische Immigrantin, welche sich mit ihrer Familie an der Côte d’Azur niedergelassen, ihr Herz und ihre Leidenschaft jedoch an das Russland vor der Revolution und die Zarenfamilie verloren hat. Sonja erzählt uns als früh gereifte Erzählerin von ihrem ungewöhnlichen Leben mit der Großmutter, welches geprägt ist von strengen Regeln und Gepflogenheiten, Ängsten und Sorgen um Sonja und sich selbst. Was Sonja am meisten verwundert, aber auch verärgert, ist Babuschkas Starrsinn in Bezug auf die Geschichte der Prinzessin Anastasia Romanow, denn die Großmutter hat es sich zur Gewohnheit gemacht, in regelmäßigen Abständen Briefe an den Chefredakteur des Magazins „Historia“ zu schreiben, um ihn über die wahren Umstände von Anastasias Existenz aufzuklären. Babuschka kennt die Wahrheit, will diese aber nur mit besonderen Personen teilen, zu welchen Sonja leider nicht gehört. Doch Sonja hat sich schon lange daran gewöhnt, auf sich selbst gestellt in einer eigenen Welt zu leben, da die Erwachsenen in ihrem Leben ihr nicht die gewünschte Sicherheit geben können oder wollen.  Wie so oft aber verlangen unvorhergesehen eintretende Ereignisse von allen Beteiligten ein plötzliches Umdenken, ein Aufbrechen der Strukturen und Muster und schlussendlich die Offenbarung, dass manche Beziehungen wichtiger sind, als man sie womöglich wahrnimmt.

Véronique Olmi führt uns in diesem Buch in die ihr aus ihrer eigenen Kindheit vertrauten Welt der russischen Emigranten in ihrer Heimatstadt Nizza ein und lässt uns an einer ganz besonderen Geschichte zweier Menschen teilhaben, die gegensätzlicher nicht sein könnten und einander doch viel bedeuten. Mit ihrer klaren Sprache und einem feinsinnigen Humor bringt sie dem Leser eine Welt nahe, die in dieser Weise heute nicht mehr existiert.

Das Buch bei Librido.at
Rezension von Yvonne Brandt

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