Eine verklärende Reise in die eigene und fremde Vergangenheit

Walter Grond: Der gelbe Diwan. Haymon Verlag 2009

Walter Grond: Der gelbe Diwan. Haymon Verlag 2009

Walter Gronds neuestes Werk ist nicht nur eine parallel angelegte Reise in die Vergangenheit sowohl der Hauptfigur Paul Clement als auch des Schriftstellers Gustave Flaubert. Es ist vor allem eine Begegnung der Kulturen, beschreibt er doch zum einen die Orientreise Flauberts Mitte des 19. Jahrhunderts und zum anderen die immer wieder schwierige Beziehung Pauls zu seiner Exfrau Behle, welche anatolische Wurzeln hat, die sie aber lange Zeit von sich selbst und vor allem von ihren gemeinsamen Kindern fern hält. Doch es geht in diesem Buch nicht nur um die Begegnungen verschiedener Kulturen, sondern auch um Begegnungen ganz besonderer Menschen. Menschen, die einen prägen und ihre Spuren hinterlassen, selbst wenn sie nicht bei uns bleiben.

Die eigene Vergangenheit wird für Paul Clement nicht durch die Wiedervereinigung mit seiner um etliche Jahre jüngeren Frau wieder lebendig, sondern auch durch ein weniger erfreuliches Ereignis, den Selbstmord seines früheren Freundes und „Mentors“ Johan, einem umjubelten Schriftsteller und ewigen Revolutionär. Johan, der sich aus dem „Ghetto“ des Bulaks dank seines Talents und seiner Zähigkeit herausarbeiten konnte, nur um schließlich an seinen eigenen Ansprüchen, der Gesellschaft und nicht zuletzt auch seinem Alkoholismus zu scheitern. Es kommt hier nicht nur zur Begegnung zweier Individuen, es begegnen sich auch zwei Weltanschauungen, die des jungen zynischen Bohemiens, für den ein früher Tod zum guten Ton des von ihm gepflegten Images gehört, und die des kämpferischen Emporkömmlings, der sich in seiner permanenten Kritik an der Welt und den Menschen inszeniert und sich doch im Grunde nur für sich selbst interessiert. Je weiter sich die Geschichte entwickelt, desto klarer wird: Johan erschafft keine Geschichten, er erschafft sich selbst, und Paul ist dabei, genauso wie zahlreiche andere, nur eine weitere Figur, die den Mythos Johan noch weiter stützt.

Walter Grond ist kein Freund der einfachen Worte. Großzügig und ausschweifend wird hier formuliert, wird eine „Frau wie eine Fee“ beschrieben oder wie „eine Heilige“, werden Geheimnisse im Tagebuch „usurpiert“ und bildhaft Orte, Geschehnisse und Figuren über viele Zeilen hinweg  beschrieben. Eine klare, stringente Erzähllinie lässt sich hier nur schwerlich finden, und auch der „Höhepunkt“ scheint nur ein vermeintlicher zu sein. Doch wer Herz und Geduld hat für ein Buch, das voll von stillen Betrachtungen des lauten Lebens ist, der wird hier fündig. Schließlich kann man nicht alles im Leben kurz und knapp beschreiben.

Walter Grond: Der gelbe Diwan
320 Seiten
Haymon Verlag 2009

Rezension von Yvonne Brandt

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