Kategorie-Archiv: Mit 80 Buechern um die Welt

Die literarische Weltreise

Die literarische Weltreise ist ein Leseprojekt von Tom Fliri. Es ist geplant mit 80 Büchern aus verschiedenen Ländern die Welt zu umrunden. Die Reise startete bereits am 12.07.2007 auf http://tomino.at und wird nun hier im Magazin forgesetzt. Bereits “besuchte” Länder sind bisher:

  1. England und Wales
  2. Irland
  3. Island
  4. Norwegen
  5. Schweden
  6. Finnland
  7. Litauen
  8. Polen
  9. Deutschland
  10. Slowakei
  11. Österreich
  12. Italien
  13. Griechenland
  14. Türkei
  15. Iran
  16. Afghanistan
  17. Pakistan
  18. Indien

In den kommenden Wochen werden die jeweiligen Bücher vorgestellt.

Die Google-Map der Reise in GROSS

16. Etappe: Afghanistan

Khaled Houssini: ‚Tausend strahlende Sonnen‘

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Afghanistan ist ein zerklüftetes Land, nicht nur geographisch, sondern auch politisch, eingeklemmt zwischen einer Großmacht im Norden und einem Pakistan im Osten, das gerne etwas mehr Einfluß auf die umgebenden Staaten hätte. In diesem Spannungsfeld siedelt Khaled Houssini seinen Roman ‚Tausend strahlende Sonnen‘ an, eine mehrere Jahrzehnte umspannende Geschichte.

Mariam

Im Mittelpunkt des Romans stehen, im Gegensatz zum Vorgängerroman ‚Drachenläufer‘, zwei Frauen. Da ist zuerst Mariam, ein uneheliches Mädchen eines wohlhabenden Geschäftsmanns aus Herat (nahe der iranischen Grenze) und einem Dienstmädchen. Und ein uneheliches Kind zu sein ist in einem islamischen Staat im 20. Jahrhundert nicht besonders ermutigend, erst recht nicht wenn man auch von der eigenen Mutter regelmäßig als ‚harami‘ (Bastard) bezeichnet wird. Nach dem Tod der Mutter wird Mariam als 15-jährige Braut bei einem erheblich älteren Mann in der Hauptstadt Kabul ‘abgeliefert’. Vom unsäglichen Wunsch nach einem männlichen Statthalter getrieben, verliert ihr Mann Raschid immer mehr die Kontrolle über sein Tun und die ‚Versagerin‘ Mariam bekommt die Enttäuschung ihres Ehemanns immer öfter körperlich zu spüren.

Laila

Der schon längere Zeit im Norden Afghanistans zwischen den Mudschahedin und den Sowjets herrschende Konflikt nähert sich langsam der Hauptstadt und die Zivilbevölkerung gerät in die Schusslinie der Konfliktparteien. Das zuvor pulsierende und lebenswerte Kabul wird immer mehr zum bombardierten Trümmerhaufen und unter diesen Trümmern kommen auch die Eltern der zweiten weiblichen Hauptfigur Laila ums Leben. Der ‚großmütige‘ Raschid nimmt Laila bei sich auf und macht sie im noch jüngeren Alter als Mariam zu seiner zweiten Frau und ‚Geburtsbeauftragten‘. Doch mit seiner zweiten Frau verdoppelt sich auch die Gewaltbereitschaft von Raschid.

Nach einigen Jahren der politischen Ruhe ziehen dann 1996 die islamisch-reaktionären Taliban in Kabul ein: Modernität, Musik und Literatur und die zuvor in Ansätzen existierenden Grundrechte von Frauen werden massiv beschnitten. Die Herrschaft der Taliban – fast schon kann man vom Feind aus dem und im eigenen Land sprechen – gestaltet das Leben der beiden Frauen nicht leichter und Raschid fühlt sich in seinem Bild als Familienherrscher von den zwanghaften Bartträgern mehr als bestätigt.

Eindringlich erhält man durch den Roman Houssinis Einblick in die Geschichte Afghanistans und auch durchwegs glaubwürdige persönliche Geschichten. Das Ende des Romans lässt es jedoch zu, einmal durchzuatmen, denn die Schreckensherrschaft der Taliban und Raschids finden ein Ende.

13. Etappe: Griechenland

Nicholas Gage: Eleni

Nicholas Gage: Eleni DTV (2009)

Wovon der Großteil Europas nach den Wirren des 2. Weltkrieges kaum Notiz nahm: in Griechenland herrscht 3 Jahre lang Bürgerkrieg, von 1946 und 1949, zwischen der Demokratischen Armee Griechenlands (DSE) und der rechten Regierung Griechenlands. Eben in dieser Zeit siedelt Nicholas Gage seine Geschichte an, in der es um seine eigene Familie und ganz zentral um das Schicksal von Eleni, Gages Mutter, geht.

Zuerst ist der Krieg fern vom kleinen Dorf in den nordwestlichen Bergen Griechenlands und die Bewohner glauben auch nicht daran, dass ihre Welt in den Strudel des Bürgerkriegs versinken wird. Doch der Lärm der Militärs kommt immer näher und im Dorf versuchen sich die Menschen schon von vorneherein auf eine der beiden Seiten zu schlagen, immer bereit, im Bedarfsfall die politischen Fronten wechseln zu können. Doch viele geraten als ‘Neutrale’ zwischen die Mühlsteine der Geschichte. Ganz besonders hart trifft es die Familie von Eleni.

Nicolas Gage hat einen sehr persönlichen Bürgerkriegsroman geschrieben. Was man ihm ankreiden kann ist, dass er eindeutig Stellung gegen die kommunistischen Truppen, die auf den Sturz der Regierung aus sind, bezieht. Das mag v.a. damit zusammenhängen, dass Nicolas Gage diesem Dunkel der griechischen Geschichte entkommen ist und die Möglichkeit hatte, den Rest seines Lebens in den USA zu verbringen und die McCarthy-Ära sicherlich in dem jungen Gage seine Spuren hinterlassen hat. Die Greueltaten der DSE sind historisch unumstritten, besonders schlimm war die ‘Deportation’ Tausender Kinder in die benachbarten Staaten, die sich unter der Kontrolle der Sowjetunion befanden. Ziel dieser Aktion, die unzählige Familien zersprengte, war die kommunistische Erziehung griechischer Kinder, um später auf loyale Landsleute zurückgreifen zu können. Ein wenig klingt dies nach Methoden der roten Khmer und das in Griechenland. Die rechte Seite kommt jedoch in Gages Roman zu ungeschoren davon.

‘Eleni’ ist ein äußerst lesenswertes Buch und öffnet ein Guckloch in die Geschichte Griechenlands, das in der Schule wohl unerwähnt bleibt.

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9. Etappe: Deutschland

Hans Waal: Die Nachhut Aufbau Taschenbuch 2009

Hans Waal: Die Nachhut Aufbau Taschenbuch 2009

Fritz, Otto, Josef und Konrad sind loyale SS-Offiziere, die gegen Ende des 2. Weltkriegs den Befehl erhalten, eine große Bunkeranlage unter Einsatz ihres Lebens gegen den Feind zu verteidigen. Diesen Befehl befolgen sie und das jahrzehntelang bis zu einem Großereignis: ihr letzter Dosenöffner geht in die Brüche. Einen möglichen Hungertod vor Augen wagen sie schwerbewaffnet den Schritt nach draußen und dann stehen sie da, vier alte Männer in SS-Uniformen, mitten im ehemaligen Ostdeutschland und dies im Jahre 2004.

Was nun folgt ist eine Geschichte, die der Autor (unter dem Pseudonym Hans Waal) von verschiedenen Erzählern schildern lässt: da ist zuerst Fritz, einer der vier ‚Deserteure’, der erzählt, in welch eigenartige Welt sie geraten. Nachdem sie im Bunker immer wieder den Lärm von Granaten und Maschinengewehren vernommen hatten – über dem Bunker befand sich ein Übungsplatz der NVA – kommen sie nun in eine menschenleere Umgebung. Auf der Autobahn, die sie dann entdecken, sind keine Panzer mehr unterwegs sondern vorbeiflitzende kleine schnelle Autos, aber da ist auch ein US-amerikanischer Bus, den sie selbstverständlich unter Beschuß nehmen.

Das zweite erzählerische Auge leiht uns ein Kameramann. Das ist die Perspektive der Medien: die nach den großen Schlagzeilen lechzenden Journalisten und ihr Versuch, das Vertrauen der vier alten Männer zu erringen, um noch näher vom Zentrum aus berichten zu können. Dann ist da noch die BKA Beamtin, die nach diesem dreisten Attentat auf die amerikanischen Freund radikal nach einer Lösung dieser Affäre strebt.

Hans Waal hat uns da ein Buch vorgelegt, das skurrile Szenarien und Dialoge liefert, wie die Begegnung zwischen den vier alten Herren und Neo-Nazis und dem daraus resultierenden Unverständnis der Originale, dass die neuen Anhänger ihres Führers gegen die verbündeten Türken wettern. Der Roman birgt Spannung, ohne jedoch zum actiongeladenen Spektakel zu werden, hat humorvolle Passagen, ohne zur Komödie zu werden.

Noch ein finanztechnisches Postskriptum: ‚Die Nachhut’ gibt es jetzt als Taschenbuch.

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Eine verklärende Reise in die eigene und fremde Vergangenheit

Walter Grond: Der gelbe Diwan. Haymon Verlag 2009

Walter Grond: Der gelbe Diwan. Haymon Verlag 2009

Walter Gronds neuestes Werk ist nicht nur eine parallel angelegte Reise in die Vergangenheit sowohl der Hauptfigur Paul Clement als auch des Schriftstellers Gustave Flaubert. Es ist vor allem eine Begegnung der Kulturen, beschreibt er doch zum einen die Orientreise Flauberts Mitte des 19. Jahrhunderts und zum anderen die immer wieder schwierige Beziehung Pauls zu seiner Exfrau Behle, welche anatolische Wurzeln hat, die sie aber lange Zeit von sich selbst und vor allem von ihren gemeinsamen Kindern fern hält. Doch es geht in diesem Buch nicht nur um die Begegnungen verschiedener Kulturen, sondern auch um Begegnungen ganz besonderer Menschen. Menschen, die einen prägen und ihre Spuren hinterlassen, selbst wenn sie nicht bei uns bleiben.

Die eigene Vergangenheit wird für Paul Clement nicht durch die Wiedervereinigung mit seiner um etliche Jahre jüngeren Frau wieder lebendig, sondern auch durch ein weniger erfreuliches Ereignis, den Selbstmord seines früheren Freundes und „Mentors“ Johan, einem umjubelten Schriftsteller und ewigen Revolutionär. Johan, der sich aus dem „Ghetto“ des Bulaks dank seines Talents und seiner Zähigkeit herausarbeiten konnte, nur um schließlich an seinen eigenen Ansprüchen, der Gesellschaft und nicht zuletzt auch seinem Alkoholismus zu scheitern. Es kommt hier nicht nur zur Begegnung zweier Individuen, es begegnen sich auch zwei Weltanschauungen, die des jungen zynischen Bohemiens, für den ein früher Tod zum guten Ton des von ihm gepflegten Images gehört, und die des kämpferischen Emporkömmlings, der sich in seiner permanenten Kritik an der Welt und den Menschen inszeniert und sich doch im Grunde nur für sich selbst interessiert. Je weiter sich die Geschichte entwickelt, desto klarer wird: Johan erschafft keine Geschichten, er erschafft sich selbst, und Paul ist dabei, genauso wie zahlreiche andere, nur eine weitere Figur, die den Mythos Johan noch weiter stützt.

Walter Grond ist kein Freund der einfachen Worte. Großzügig und ausschweifend wird hier formuliert, wird eine „Frau wie eine Fee“ beschrieben oder wie „eine Heilige“, werden Geheimnisse im Tagebuch „usurpiert“ und bildhaft Orte, Geschehnisse und Figuren über viele Zeilen hinweg  beschrieben. Eine klare, stringente Erzähllinie lässt sich hier nur schwerlich finden, und auch der „Höhepunkt“ scheint nur ein vermeintlicher zu sein. Doch wer Herz und Geduld hat für ein Buch, das voll von stillen Betrachtungen des lauten Lebens ist, der wird hier fündig. Schließlich kann man nicht alles im Leben kurz und knapp beschreiben.

Walter Grond: Der gelbe Diwan
320 Seiten
Haymon Verlag 2009

Rezension von Yvonne Brandt

7. Etappe: Litauen



Das Spannende an einer literarischen Weltreise ist nicht nur die Lektüre der jeweiligen Bücher, sondern auch das Entdecken dieser Bücher. So war das auch bei der Suche nach baltischer Literatur, die nicht sehr einfach war, da relativ wenige baltische Autoren ins Deutsche übersetzt werden. Zufällig entdeckte ich die 2007 verstorbene litauische Autorin Jurga Ivanauskaite, die mit “Placebo” (2003) einen utopisch angehauchten, thrillerhaften Gegenwartsroman aus Litauen geschrieben hat.
Ivanauskaite entwirft eine Geschichte rund um den merkwürdigen Tod der Wahrsagerin Julia, die aus der Sicht von mehreren Protagonisten erzählt wird. Das sind aber keineswegs „normale“ Erzähler, denn so kommen z.B. die bereits verstorbene Julia oder auch deren Katze zu Wort. Weiters wird die Geschichte von Julia aus der Sicht ihrer Freundin und Journalistin Rita beleuchtet und vom überdrehten Fernsehstar Maksas und dessen nonkonformistischen Bruder Tadas. Immer mehr wird dem Leser klar, dass Julia nicht Selbstmord begangen hat, sondern selber Instrument und am Ende auch Opfer einer verschwörerischen Gruppe namens „Placebo“ wurde. Aber Ivanauskaite macht aus dieser Geschichte nicht einen Roman im Stile von Dan Brown, sondern lässt ein Kaleidoskop aus vielen Stimmen entstehen. Aber warum sollte eine globale Verschwörungsgruppe gerade Litauen als Spielwiese für neue Methoden der Beeinflussung und unterschwelliger Kontrolle auswählen? Das beschreibt Ivanauskaite auf sehr eindringliche Art und Weise: nach der Befreiung aus dem politischen Würgegriff der ehemaligen Sowjetunion war in Litauen (so wie in den anderen ehemaligen Staaten der Union) ein Vakuum entstanden, welches die westliche Lebensart in wenigen Jahren aufgesaugt hat.
So erfährt man aus der Sicht des namenlosen Kontaktmanns von Julia den Placebo-Plan:

„… eine Gesellschaft der Glücklichen, gegründet durch Aussiebung der unbrauchbaren Individuen und Ausfiltern jedes, auch des allerkleinsten Löffels Teer aus dem globalen Honigfass; Gedanken- und Gefühlskontrolle, totale Abhängigkeit der Bürger von Fernseher, Computer und anderen modernen Technologien; Informationsüberschuss, Dutzende unnötiger Fakten pro Minute und Diktatur der Werbung, so dass in meisterhafter Weise eine Ersatzrealität geschafft wurde, in der die Menschen ohne eigene Gedanken, Gefühle und sogar ohne eigenes Schicksal lebten.“

So wird Julia von diesem Kontaktmann ins Placebo-Netzwerk eingeführt und aufgrund der Tatsache, dass sie als Wahrsagerin in Kontakt mit vielen bedeutenden Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft steht, darauf angesetzt, diese Personen auf eine raffiniert unterschwellige Art und Weise zu beeinflussen. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie sagt: „Schluss! Ich diene dem Placebo nicht länger!“

6. Etappe: Finnland

Arto Paasilinna: Der wunderbare Massenselbstmord (bei Amazon)

Arto Paasilinna: Der wunderbare Massenselbstmord (bei Amazon)

Was geschieht, wenn ein Selbstmörder von einem Selbstmörder gestört wird?
Arto Paasilinna entwickelt aus dieser eigenartigen Situation eine schräge Geschichte.
Die beiden Protagonisten Onni Rellonnen und Hermanni Kemppainen haben sich gegenseitig bei ihrem Vorhaben gestört, sich das Leben zu nehmen und sehen darin keinen Zufall, sondern ein Zeichen dafür, andere potentielle Selbstmörder in ihr Boot zu holen. Dazu müssen sie diese Selbstmordkandidaten aber erst aufspüren. Das gelingt ihnen mit einer Zeitungsannonce, die ein verblüffendes Echo erhält. So treffen sich Dutzende Suizidgefährdete in Helsinki zu einem Stelldichein u.a. mit einem psychologischen Vortrag zum gemeinsamen Thema, aber auch mit Essen und Trinken.
Unter den anderen “Selbstmördern” findet sich auch ein frustrierter Busunternehmer, der dann die Idee entwickelt, man könnte ja gemeinsam mit dem Bus in den Tod fahren (nachdem man den kollektiven Selbstmord mit einem abgetakelten Dampfer als zu “gefährlich” hält). So beginnt eine Rundreise durch Finnland, bei der die Gruppe andere sich bekennende Selbsmordanwärter aus ihrem verfahrenen sozialen Umfeld entreißt und einen Sitzplatz im komfortablen Reisebus anbietet. Bald wird der Plan geschmiedet sich mit diesem Bus über die Klippe am Nordkap in den gemeinsamen Tod zu stürzen und sofort wählt der Busunternehmer die entsprechende Route. Doch irgendwie fährt der Bus schneller als der Selbstmordwunsch der Reisenden und am Nordkap angekommen ist sich die Gruppe (mit wenigen Ausnahmen) einig, dass das gemeinsame Reisen etwas sehr Angenehmes zu sein scheint. So wird also ein nächstes Suizidziel gewählt: eine Schlucht in den Schweizer Alpen wird als besonders reizvoll empfunden und die Gruppe fährt durch halb Europa, um in der Schweiz dann von den korrekten Eidgenossen von ihrem Plan wiederum abgehalten zu werden.
Immer weiter wird das gemeinsame Ende hinausgeschoben: nun soll der Bus am Ende Europas in Portugal ins Meer gesteuert werden, aber inzwischen ist der Suizidwunsch schon weit hinter dem Reisebus zurückgeblieben.

5. Etappe: Schweden

Mikael Niemi: Populärmusik aus Vittula

Mikael Niemi: Populärmusik aus Vittula

Ein furioser Beginn: Auf einem Bergpass im Himalaya sitzt ein Mann fest. Er hat einen folgenschweren Fehler begangen, denn er hat eine tibetische Gebetsplatte aus Metall geküsst, aus Freude über das erreichte Ziel, und bleibt mit der Zunge am eiskalten Metall hängen. Er gerät in Panik, sieht sich schon dem sicheren Erfrierungstod ausgeliefert, bis ihm die Idee kommt, sich mit dem eigenen Urin in einer Tasse loszueisen. Es gelingt ihm und aus Freude darüber, beginnt er die Geschichte seiner Jugend und seines Freundes Niila zu erzählen.
Es ist die Geschichte, wie der Asphalt und die Rock ‘n Roll Musik in seinem kleinen nordschwedischen Dörfchen Payala Einzug halten. Eingeflochten in die musikalische Entwicklung der beiden Protagonisten Matti (der Erzähler) und Niila sind wunderbar komische Figuren: ein kinderverachtender und schuhewerfender Schulmeister, Niilas religiös entrückter Vater, ein als Einsiedler lebender Transvestit, ein polyglotter Priester aus dem Kongo, ein sechsfingriger fahrradfanatischer Musiklehrer und viele andere verschrobene Typen. Highlights des Romans sind verschiedene Episoden, wie z.B. die Hochzeitsfeier eines Schweden mit einer Finnin, die dann in einem “Krieg” der Familien ausartet und für den Erzähler in einer Begegnung mit einer üppigen männerfressenden Finnin endet. Aber auch der 70er von Mattis Großvater im Kreise seiner Jagdkollegen ist ein Garant für so manchen Schmunzler.
Aber im Vordergrund bleibt immer die Faszination, welche die Rock ‘n Roll Musik auf die beiden Jungen ausübt. Durch den Erwerb einer Beatles-Single entdecken Matti und Niila ihre wahre Leidenschaft und gründen die wohl erste Rockband am Polarkreis, aber auch die Gewissheit, dass sie wohl das kleine Payala verlassen müssen, um ihre Musikleidenschaft ausleben zu können.
“Populärmusik aus Vittula” ist eine unvergessliche Geschichte, v.a. wenn man sich auch die wunderbare Verfilmung des Romans von Mikael Niemi aus dem Jahr 2004 gönnt.

4. Etappe: Norwegen

Lars Saabye Christensen: Der Alleinunterhalter

Lars Saabye Christensen: Der Alleinunterhalter

Lars Saabye Christensen ist einer der norwegischen Schriftsteller, die es geschafft haben, ohne auf der skandinavischen Krimiwelle mitzuschwimmen, sich im deutschen Buchmarkt zu etablieren. Inzwischen gibt es ein gutes Dutzend Romane von Christensen auf deutsch.

“Der Alleinunterhalter” (norw. “Jubel”) spielt in Nordnorwegen, auf einer der unzähligen Inseln im Atlantik. Ähnlich wie Dylan Thomas in seinem “Under Milkwood” das walisische Dorf Llareggub mitsamt seiner unzähligen verschrobenen Einwohner beschreibt, lässt Christensen seinen Protagonisten in die eigenartige Welt einer kleinen abgelegenen Stadt am Polarkreis untertauchen. Jonatan Griff, der Alleinunterhalter, ist ein ziemlich erfolgloser Pianist, der auf der Flucht vor seiner Vergangenheit und vor allem vor seiner dominanten Mutter, ein Engagement im einzigen Hotel des Ortes erhält. Im Laufe der Erzählung lernt Griff ganz besondere Figuren und deren Geschichten kennen: den rüpelhaften golffanatischen Hotelbesitzer, der um zu seinem Golfplatz zu kommen, quasi über Leichen geht (er würde einen vermutlichen Wikingerfriedhof für die Freunde des kleinen weißen Balles opfern) und dessen Tochter Luise, auf die Griff schon bald ein Auge wirft. Sehr freundlich wird Griff von den beiden Rezeptionistinnen des Hotels empfangen, die trotz ihrer großen physiologischen Unterschiede (Körbchengröße A versus D) dieselbe Uniform tragen müssen. Schließlich muß der Golfplatz ja finanziert werden. :-)

Doch am Ende wird Griff “gefunden” und aus seinem freiwilligen Exil gerissen, von seiner Mutter:


“Ich verstecke mich nicht. Wie hast du mich gefunden?”
“Jetzt paß aber auf, Jonatan. Wie um alles in der Welt hätte ich dich denn finden können, wenn du dich nicht versteckt hättest?”

Um dem von der Mutter eingefädelten Konzert in Oslo zu entgehen, entschließt Griff eine radikalen Schritt zu tun. Welcher das ist, soll hier natürlich nicht verraten werden.

3. Etappe: Island

herzort

Steinunn Sigurdardóttir: Herzort (bei Amazon)

Erstaunlicherweise gibt es Perlen im Nordatlantik, aber keine natürlich entstandenen, sondern literarische. Dazu gehört sicherlich der Roman „Herzort“ der isländischen Autorin Steinunn Sigurdardóttir.

Je faszinierter man von einer Geschichte ist, umso schwerer lässt sich darüber schreiben, erst mit einer gewissen zeitlichen Distanz wird verständlich, was an einem Buch so mitreißend ist. Bei Herzort ist es v.a. die virtuose Sprache (die trotz oder gerade wegen der guten Übersetzung so gefällt) und der oft nicht einfache Aufbau des Romans. Lustig wirbelt Sigurdardóttir Erzählzeiten und –perspektiven durcheinander, dass die Lektüre sowohl anstrengend, als auch anregend ist.
Die Geschichte ist schnell erzählt: drei Frauen (Mutter, deren Freundin und die Tochter) machen sich auf die Reise von Rekjavik an das Ostende von Island. Grund für die Fahrt ist aber nicht die Sehnsucht nach Urlaub, sondern der Wunsch, die Tochter aus den Fängen einer äußerst drogenaffinen Jugendgruppe zu entreißen. Aber aus der Fluchtgeschichte der drei Frauen entwickelt sich im Laufe des Romans eher eine Reise in die Vergangenheit der noch jungen Mutter Harpa Eir, die sich in dieser schwierigen Phase ihres „Tochtermonsters“ Edda an ihre eigene Geschichte erinnert. Und diese ihre Geschichte ist vor allem durch ihr ganz und gar nicht isländisches Aussehen geprägt. Langsam kristallisiert sich die wahre Herkunft von Harpa heraus und derart macht auch sie mit dieser Fahrt durch Island eine Entdeckungsreise in das eigene Ich.
Was „Herzort“ noch als literarische Perle qualifiziert sind die eindrücklichen Landschaftsbeschreibungen, die den Roman zu einer wunderbaren Reise im Kopf durch diese wunderbare Insel im hohen Norden werden lässt.

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2. Etappe: (Nord)Irland

Manche Bücher sollten auch in Apotheken und Drogerien erhältlich sein, im Regal gleich neben den Johanniskrautkapseln und anderen Stimmungsaufhellern. Zu diesen Büchern gehört auch ‘Eureka Street, Belfast’ von Robert McLiam Wilson. In einem vom IRA Bombenterror und Armut gezeichneten Belfast beschreibt Wilson die mit humorvollen Episoden gespickte Geschichte einer Clique von Mitzwanzigern, die sich mit Geselligkeit, Alkohol (aber nicht exzessiv, wie man es von Iren vielleicht erwarten würde) und Gelegenheitsjobs durchs Leben schlagen.
Die zentrale Figur ist Chuckie, der aus einer ‘promi’-süchtigen Familie stammt. Dieser Sucht entspringen auch die amüsantesten Stellen des Buches, wie z.B. der Besuch des Papstes in Belfast. Chuckie, einer der Protestanten der Clique – Wilson klärt den Leser auch auf, dass diese konfessionellen Unterschiede nur politisch von Bedeutung sind, nicht aber für das reale Zusammenleben der Belfaster – macht für den Papst eine “Ausnahme”, der ja bekanntlich katholisch ist, aber doch so berühmt, dass Chuckie ein Auge zudrückt und sich den Katholiken-Event gibt. Was sich aus dieser Ausnahme und dem daraus resultierenden ‘Chuckie gibt dem Papst die Hand’-Foto ergibt ist ausserordentlich witzig. Ein weiterer Höhepunkt ist der wirtschaftliche Erfolg, den Chuckie mit einem einzigen Riesendildo erzielt.

Trotz des Pulverfass-Szenarios ‘Belfast’ gelingt es dem Autor, dass man als Leser diese Stadt und ihre Bewohner ins Herz schließt. Das macht Wilson z.B. in der Bombenanschlag-Szene des Buches sehr einfühlsam und alles andere als effekthaschend.

Eine uneingeschränke Leseempfehlung für alle, die es auch mal gerne eine Portion deftiger mögen!

1. Etappe: England und Wales

Jasper Fforde: Der Fall Jane Eyre (bei Amazon)

Jasper Fforde: Der Fall Jane Eyre (bei Amazon)


“Der Fall Jane Eyre” ist ein literarischer Hochseilakt zwischen Thriller, Fantasy und Parodie und handelt in einem England der Zukunft, in dem Bücher eine ganz besondere Rolle spielen.
Dem Waliser Jasper Fforde gelingt es, ein Buch zu schreiben, in das der Leser genauso eintauchen kann, wie dessen Hauptfiguren in den Klassiker “Jane Eyre”. Es ist aber überhaupt nicht so, dass man in der englischen Literaturgeschichte beheimatet sein muss, um von der Geschichte amüsiert zu sein. Aber das Entführen der “kleinen” literarischen Figur Mr. Quaverley aus einem Charles Dickens-Roman durch DEN Bösewicht in Ffordes Roman ist einfach aberwitzig. Dies ist aber nur der krimininalistische Aperitif zum “Fall Jane Eyre”. Immer wieder bemerkt man auch Anlehnungen an das Film-Sujet “James Bond”. Nur ist es in Ffordes Roman eine weibliche Agentin/Protagonistin mit Namen Thursday Next von der Literaturpolizei SO-27. Es gibt gewissermaßen auch einen Mister Q in der Geschichte, es ist der Onkel von Next, der die Leserschaft mit seinen skurrilen Erfindungen zum Schmunzeln bringt.

Die literaturfanatischen Bewohner des anderen Englands im Roman gehen soweit, dass sie sich Künstlernamen aussuchen, natürlich von Literaten, es gibt neben tausenden Miltons und William Blakes auch viele Fans des Dichter Alfred Tennyson:

Nach einem Zwischenfall in einem Pub, bei dem sowohl der Angreifer, das Opfer, der Zeuge, der Wirt, der festnehmende Polizist als auch der Richter Alfred Tennyson hießen, war ein Gesetz verabschiedet worden, das sämtliche Namensvettern und -schwestern verpflichtete, sich eine Kennnummer hinters Ohr tätowieren zu lassen.

Solche und viele weitere ungewöhnliche Einfälle lassen die Lektüre zu einem Vergnügen werden. Und der Vergleich mit den Monty Pythons auf dem Klappentext (Klappentexte sind ja bekanntlich ganz schlimme Schwindler) ist korrekt, beim Lesen tritt einige Male das berühmte “Ministry of Silly Walk” vor Augen. Hinzu kommen auch einige kleine Exkursionen zu anderen Klassikern der englischen Literaturgeschichte.

Einen Haken hat aber das Erlebnis “Der Fall Jane Eyre”, es gibt noch weitere Bände in der Reihe Thursday Next. Die kann ich wohl erst in einigen Monaten lesen. Jetzt ist es aber Zeit für “Eureka Street, Belfast”.

Jasper Fforde “Der Fall Jane Eyre”
DTV 2007
384 Seiten