Die literarische Weltreise
|
Die literarische Weltreise ist ein Leseprojekt von Tom Fliri. Es ist geplant mit 80 Büchern aus verschiedenen Ländern die Welt zu umrunden. Die Reise startete bereits am 12.07.2007 auf http://tomino.at und wird nun hier im Magazin forgesetzt. Bereits “besuchte” Länder sind bisher:
- England und Wales
- Irland
- Island
- Norwegen
- Schweden
- Finnland
- Litauen
- Polen
- Deutschland
- Slowakei
- Österreich
- Italien
- Griechenland
- Türkei
In den kommenden Wochen werden die jeweiligen Bücher vorgestellt.
Die Google-Map der Reise in GROSS
Ahmet Ümit: Nacht und Nebel
 
 Nicholas Gage: Eleni DTV (2009)
Wovon der Großteil Europas nach den Wirren des 2. Weltkrieges kaum Notiz nahm: in Griechenland herrscht 3 Jahre lang Bürgerkrieg, von 1946 und 1949, zwischen der Demokratischen Armee Griechenlands (DSE) und der rechten Regierung Griechenlands. Eben in dieser Zeit siedelt Nicholas Gage seine Geschichte an, in der es um seine eigene Familie und ganz zentral um das Schicksal von Eleni, Gages Mutter, geht.
Zuerst ist der Krieg fern vom kleinen Dorf in den nordwestlichen Bergen Griechenlands und die Bewohner glauben auch nicht daran, dass ihre Welt in den Strudel des Bürgerkriegs versinken wird. Doch der Lärm der Militärs kommt immer näher und im Dorf versuchen sich die Menschen schon von vorneherein auf eine der beiden Seiten zu schlagen, immer bereit, im Bedarfsfall die politischen Fronten wechseln zu können. Doch viele geraten als ‘Neutrale’ zwischen die Mühlsteine der Geschichte. Ganz besonders hart trifft es die Familie von Eleni.
Nicolas Gage hat einen sehr persönlichen Bürgerkriegsroman geschrieben. Was man ihm ankreiden kann ist, dass er eindeutig Stellung gegen die kommunistischen Truppen, die auf den Sturz der Regierung aus sind, bezieht. Das mag v.a. damit zusammenhängen, dass Nicolas Gage diesem Dunkel der griechischen Geschichte entkommen ist und die Möglichkeit hatte, den Rest seines Lebens in den USA zu verbringen und die McCarthy-Ära sicherlich in dem jungen Gage seine Spuren hinterlassen hat. Die Greueltaten der DSE sind historisch unumstritten, besonders schlimm war die ‘Deportation’ Tausender Kinder in die benachbarten Staaten, die sich unter der Kontrolle der Sowjetunion befanden. Ziel dieser Aktion, die unzählige Familien zersprengte, war die kommunistische Erziehung griechischer Kinder, um später auf loyale Landsleute zurückgreifen zu können. Ein wenig klingt dies nach Methoden der roten Khmer und das in Griechenland. Die rechte Seite kommt jedoch in Gages Roman zu ungeschoren davon.
‘Eleni’ ist ein äußerst lesenswertes Buch und öffnet ein Guckloch in die Geschichte Griechenlands, das in der Schule wohl unerwähnt bleibt.
Das Buch bei Amazon:
Roberto Saviano: Gomorrha
 
Marlene Streeruwitz: Jessica, 30
 
Colum McCann: Zoli
 
 Hans Waal: Die Nachhut Aufbau Taschenbuch 2009
Fritz, Otto, Josef und Konrad sind loyale SS-Offiziere, die gegen Ende des 2. Weltkriegs den Befehl erhalten, eine große Bunkeranlage unter Einsatz ihres Lebens gegen den Feind zu verteidigen. Diesen Befehl befolgen sie und das jahrzehntelang bis zu einem Großereignis: ihr letzter Dosenöffner geht in die Brüche. Einen möglichen Hungertod vor Augen wagen sie schwerbewaffnet den Schritt nach draußen und dann stehen sie da, vier alte Männer in SS-Uniformen, mitten im ehemaligen Ostdeutschland und dies im Jahre 2004.
Was nun folgt ist eine Geschichte, die der Autor (unter dem Pseudonym Hans Waal) von verschiedenen Erzählern schildern lässt: da ist zuerst Fritz, einer der vier ‚Deserteure’, der erzählt, in welch eigenartige Welt sie geraten. Nachdem sie im Bunker immer wieder den Lärm von Granaten und Maschinengewehren vernommen hatten – über dem Bunker befand sich ein Übungsplatz der NVA – kommen sie nun in eine menschenleere Umgebung. Auf der Autobahn, die sie dann entdecken, sind keine Panzer mehr unterwegs sondern vorbeiflitzende kleine schnelle Autos, aber da ist auch ein US-amerikanischer Bus, den sie selbstverständlich unter Beschuß nehmen.
Das zweite erzählerische Auge leiht uns ein Kameramann. Das ist die Perspektive der Medien: die nach den großen Schlagzeilen lechzenden Journalisten und ihr Versuch, das Vertrauen der vier alten Männer zu erringen, um noch näher vom Zentrum aus berichten zu können. Dann ist da noch die BKA Beamtin, die nach diesem dreisten Attentat auf die amerikanischen Freund radikal nach einer Lösung dieser Affäre strebt.
Hans Waal hat uns da ein Buch vorgelegt, das skurrile Szenarien und Dialoge liefert, wie die Begegnung zwischen den vier alten Herren und Neo-Nazis und dem daraus resultierenden Unverständnis der Originale, dass die neuen Anhänger ihres Führers gegen die verbündeten Türken wettern. Der Roman birgt Spannung, ohne jedoch zum actiongeladenen Spektakel zu werden, hat humorvolle Passagen, ohne zur Komödie zu werden.
Noch ein finanztechnisches Postskriptum: ‚Die Nachhut’ gibt es jetzt als Taschenbuch.
Das Buch bei Amazon:

Radek Knapp: Herrn Kukas Empfehlungen

 Jurga Ivanauskaite: Placebo
Das Spannende an einer literarischen Weltreise ist nicht nur die Lektüre der jeweiligen Bücher, sondern auch das Entdecken dieser Bücher. So war das auch bei der Suche nach baltischer Literatur, die nicht sehr einfach war, da relativ wenige baltische Autoren ins Deutsche übersetzt werden. Zufällig entdeckte ich die 2007 verstorbene litauische Autorin Jurga Ivanauskaite, die mit “Placebo” (2003) einen utopisch angehauchten, thrillerhaften Gegenwartsroman aus Litauen geschrieben hat.
Ivanauskaite entwirft eine Geschichte rund um den merkwürdigen Tod der Wahrsagerin Julia, die aus der Sicht von mehreren Protagonisten erzählt wird. Das sind aber keineswegs „normale“ Erzähler, denn so kommen z.B. die bereits verstorbene Julia oder auch deren Katze zu Wort. Weiters wird die Geschichte von Julia aus der Sicht ihrer Freundin und Journalistin Rita beleuchtet und vom überdrehten Fernsehstar Maksas und dessen nonkonformistischen Bruder Tadas. Immer mehr wird dem Leser klar, dass Julia nicht Selbstmord begangen hat, sondern selber Instrument und am Ende auch Opfer einer verschwörerischen Gruppe namens „Placebo“ wurde. Aber Ivanauskaite macht aus dieser Geschichte nicht einen Roman im Stile von Dan Brown, sondern lässt ein Kaleidoskop aus vielen Stimmen entstehen. Aber warum sollte eine globale Verschwörungsgruppe gerade Litauen als Spielwiese für neue Methoden der Beeinflussung und unterschwelliger Kontrolle auswählen? Das beschreibt Ivanauskaite auf sehr eindringliche Art und Weise: nach der Befreiung aus dem politischen Würgegriff der ehemaligen Sowjetunion war in Litauen (so wie in den anderen ehemaligen Staaten der Union) ein Vakuum entstanden, welches die westliche Lebensart in wenigen Jahren aufgesaugt hat.
So erfährt man aus der Sicht des namenlosen Kontaktmanns von Julia den Placebo-Plan:
„… eine Gesellschaft der Glücklichen, gegründet durch Aussiebung der unbrauchbaren Individuen und Ausfiltern jedes, auch des allerkleinsten Löffels Teer aus dem globalen Honigfass; Gedanken- und Gefühlskontrolle, totale Abhängigkeit der Bürger von Fernseher, Computer und anderen modernen Technologien; Informationsüberschuss, Dutzende unnötiger Fakten pro Minute und Diktatur der Werbung, so dass in meisterhafter Weise eine Ersatzrealität geschafft wurde, in der die Menschen ohne eigene Gedanken, Gefühle und sogar ohne eigenes Schicksal lebten.“
So wird Julia von diesem Kontaktmann ins Placebo-Netzwerk eingeführt und aufgrund der Tatsache, dass sie als Wahrsagerin in Kontakt mit vielen bedeutenden Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft steht, darauf angesetzt, diese Personen auf eine raffiniert unterschwellige Art und Weise zu beeinflussen. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie sagt: „Schluss! Ich diene dem Placebo nicht länger!“
 Arto Paasilinna: Der wunderbare Massenselbstmord (bei Amazon)
Was geschieht, wenn ein Selbstmörder von einem Selbstmörder gestört wird?
Arto Paasilinna entwickelt aus dieser eigenartigen Situation eine schräge Geschichte.
Die beiden Protagonisten Onni Rellonnen und Hermanni Kemppainen haben sich gegenseitig bei ihrem Vorhaben gestört, sich das Leben zu nehmen und sehen darin keinen Zufall, sondern ein Zeichen dafür, andere potentielle Selbstmörder in ihr Boot zu holen. Dazu müssen sie diese Selbstmordkandidaten aber erst aufspüren. Das gelingt ihnen mit einer Zeitungsannonce, die ein verblüffendes Echo erhält. So treffen sich Dutzende Suizidgefährdete in Helsinki zu einem Stelldichein u.a. mit einem psychologischen Vortrag zum gemeinsamen Thema, aber auch mit Essen und Trinken.
Unter den anderen “Selbstmördern” findet sich auch ein frustrierter Busunternehmer, der dann die Idee entwickelt, man könnte ja gemeinsam mit dem Bus in den Tod fahren (nachdem man den kollektiven Selbstmord mit einem abgetakelten Dampfer als zu “gefährlich” hält). So beginnt eine Rundreise durch Finnland, bei der die Gruppe andere sich bekennende Selbsmordanwärter aus ihrem verfahrenen sozialen Umfeld entreißt und einen Sitzplatz im komfortablen Reisebus anbietet. Bald wird der Plan geschmiedet sich mit diesem Bus über die Klippe am Nordkap in den gemeinsamen Tod zu stürzen und sofort wählt der Busunternehmer die entsprechende Route. Doch irgendwie fährt der Bus schneller als der Selbstmordwunsch der Reisenden und am Nordkap angekommen ist sich die Gruppe (mit wenigen Ausnahmen) einig, dass das gemeinsame Reisen etwas sehr Angenehmes zu sein scheint. So wird also ein nächstes Suizidziel gewählt: eine Schlucht in den Schweizer Alpen wird als besonders reizvoll empfunden und die Gruppe fährt durch halb Europa, um in der Schweiz dann von den korrekten Eidgenossen von ihrem Plan wiederum abgehalten zu werden.
Immer weiter wird das gemeinsame Ende hinausgeschoben: nun soll der Bus am Ende Europas in Portugal ins Meer gesteuert werden, aber inzwischen ist der Suizidwunsch schon weit hinter dem Reisebus zurückgeblieben.
|
|