Die literarische Weltreise

Die Literarische Weltreise

Der Magazinteil von Librido.at!

Ab nun finden sie zusätzlich zum Librido.at System hier im Magazinteil Rezensionen zu Neuerscheinungen, Informatives aus dem Bereich Literatur und die vergangenen Themenschwerpunkte auf Librido.at.

16. Etappe: Afghanistan

Khaled Houssini ‚Tausend strahlende Sonnen‘

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Afghanistan ist ein zerklüftetes Land, nicht nur geographisch sondern auch politisch eingeklemmt zwischen einer Großmacht im Norden und einem Pakistan im Osten, das gerne etwas mehr Einfluß auf die umgebenden Staaten hätte. In diesem Spannungsfeld siedelt Khaled Houssini seinen Roman ‚Tausend strahlende Sonnen‘ an, eine mehrere Jahrzehnte umspannende Geschichte.

Mariam

Im Mittelpunkt des Romans stehen, im Gegensatz zum Vorgängerroman ‚Drachenläufer‘, zwei Frauen. Da ist zuerst Mariam, ein uneheliches Mädchen eines wohlhabenden Geschäftsmanns aus Herat (nahe der iranischen Grenze) und einem Dienstmädchen. Und ein uneheliches Kind zu sein ist in einem islamischen Staat im 20. Jahrhundert nicht besonders ermutigend, erst recht nicht wenn man auch von der eigenen Mutter regelmäßig als ‚harami‘ (Bastard) bezeichnet wird. Nach dem Tod der Mutter wird Mariam als 15-jährige Braut bei einem erheblich älteren Mann in der Hauptstadt Kabul ‘abgeliefert’. Vom unsäglichen Wunsch nach einem männlichen Statthalter getrieben, verliert ihr Mann Raschid immer mehr die Kontrolle über sein Tun und die ‚Versagerin‘ Mariam bekommt die Enttäuschung ihres Ehemanns immer öfter körperlich zu spüren.

Laila

Der schon längere Zeit im Norden Afghanistans zwischen den Mudschahedin und den Sowjets herrschende Konflikt nähert sich langsam der Hauptstadt und die Zivilbevölkerung gerät in die Schusslinie der Konfliktparteien. Das zuvor pulsierende und lebenswerte Kabul wird immer mehr zum bombardierten Trümmerhaufen und unter diesen Trümmern kommen auch die Eltern der zweiten weiblichen Hauptfigur Laila ums Leben. Der ‚großmütige‘ Raschid nimmt Laila bei sich auf und macht sie im noch jüngeren Alter als Mariam zu seiner zweiten Frau und ‚Geburtsbeauftragten‘. Doch mit seiner zweiten Frau verdoppelt sich auch die Gewaltbereitschaft von Raschid.

Nach einigen Jahren der politischen Ruhe ziehen dann 1996 die islamisch-reaktionären Taliban in Kabul ein: Modernität, Musik und Literatur und die zuvor in Ansätzen existierenden Grundrechte von Frauen werden massiv beschnitten. Die Herrschaft der Taliban – fast schon kann man vom Feind aus dem und im eigenen Land sprechen – gestaltet das Leben der beiden Frauen nicht leichter und Raschid fühlt sich in seinem Bild als Familienherrscher von den zwanghaften Bartträgern mehr als bestätigt.

Eindringlich erhält man durch den Roman Houssinis Einblick in die Geschichte Afghanistans und auch durchwegs glaubwürdige persönliche Geschichten. Das Ende des Romans lässt es jedoch zu, einmal durchzuatmen, denn die Schreckensherrschaft der Taliban und Raschids finden ein Ende.

Eine verklärende Reise in die eigene und fremde Vergangenheit

Walter Grond: Der gelbe Diwan. Haymon Verlag 2009

Walter Grond: Der gelbe Diwan. Haymon Verlag 2009

Walter Gronds neuestes Werk ist nicht nur eine parallel angelegte Reise in die Vergangenheit sowohl der Hauptfigur Paul Clement als auch des Schriftstellers Gustave Flaubert. Es ist vor allem eine Begegnung der Kulturen, beschreibt er doch zum einen die Orientreise Flauberts Mitte des 19. Jahrhunderts und zum anderen die immer wieder schwierige Beziehung Pauls zu seiner Exfrau Behle, welche anatolische Wurzeln hat, die sie aber lange Zeit von sich selbst und vor allem von ihren gemeinsamen Kindern fern hält. Doch es geht in diesem Buch nicht nur um die Begegnungen verschiedener Kulturen, sondern auch um Begegnungen ganz besonderer Menschen. Menschen, die einen prägen und ihre Spuren hinterlassen, selbst wenn sie nicht bei uns bleiben.

Die eigene Vergangenheit wird für Paul Clement nicht durch die Wiedervereinigung mit seiner um etliche Jahre jüngeren Frau wieder lebendig, sondern auch durch ein weniger erfreuliches Ereignis, den Selbstmord seines früheren Freundes und „Mentors“ Johan, einem umjubelten Schriftsteller und ewigen Revolutionär. Johan, der sich aus dem „Ghetto“ des Bulaks dank seines Talents und seiner Zähigkeit herausarbeiten konnte, nur um schließlich an seinen eigenen Ansprüchen, der Gesellschaft und nicht zuletzt auch seinem Alkoholismus zu scheitern. Es kommt hier nicht nur zur Begegnung zweier Individuen, es begegnen sich auch zwei Weltanschauungen, die des jungen zynischen Bohemiens, für den ein früher Tod zum guten Ton des von ihm gepflegten Images gehört, und die des kämpferischen Emporkömmlings, der sich in seiner permanenten Kritik an der Welt und den Menschen inszeniert und sich doch im Grunde nur für sich selbst interessiert. Je weiter sich die Geschichte entwickelt, desto klarer wird: Johan erschafft keine Geschichten, er erschafft sich selbst, und Paul ist dabei, genauso wie zahlreiche andere, nur eine weitere Figur, die den Mythos Johan noch weiter stützt.

Walter Grond ist kein Freund der einfachen Worte. Großzügig und ausschweifend wird hier formuliert, wird eine „Frau wie eine Fee“ beschrieben oder wie „eine Heilige“, werden Geheimnisse im Tagebuch „usurpiert“ und bildhaft Orte, Geschehnisse und Figuren über viele Zeilen hinweg  beschrieben. Eine klare, stringente Erzähllinie lässt sich hier nur schwerlich finden, und auch der „Höhepunkt“ scheint nur ein vermeintlicher zu sein. Doch wer Herz und Geduld hat für ein Buch, das voll von stillen Betrachtungen des lauten Lebens ist, der wird hier fündig. Schließlich kann man nicht alles im Leben kurz und knapp beschreiben.

Walter Grond: Der gelbe Diwan
320 Seiten
Haymon Verlag 2009

Rezension von Yvonne Brandt

Eternal Sunshine

James Frey: Strahlend schöner Morgen. Ullstein 2009

James Frey: Strahlend schöner Morgen. Ullstein 2009

Ich sehe die Menschen, die hier leben, zehn, zwölf, irgendwann vielleicht fünfzehn, zwanzig oder fünfundzwanzig Millionen, schwarz, weiß, gelb, braun, Menschen, die getrennt oder zusammen leben, Menschen, die sich lieben, hassen, töten, schlagen oder die sich helfen, alle sind hier, und es werden täglich mehr, sie breiten sich aus, ballen sich, treten und verdrängen sich, täglich werden es mehr. Ich sehe sie kommen.

Dylan und seine Freundin Maddie, beide 19 Jahre jung, fliehen – nicht nur, aber vorwiegend vor ihren Eltern – aus ihrem Heimatkaff in Ohio, um in L.A. eine bessere Zukunft zu suchen und nicht wie ihre Eltern zu enden.

Old Man Joe, Obdachloser und Experte für billigen Chablis, entgegen aller Vermutungen und seines weißen Haares noch nicht mal 40 Jahre alt, verlässt jeden Tag noch vor der Dämmerung seinen Schlafplatz in der Toilette eines Taco-Ladens, um am nahe gelegenen Strand auf „eine Antwort zu warten“.

Amberton Parker, berühmter, steinreicher und überdies fabelhaft aussehender Hollywood-Actionfilm-Blockbuster-Star, als solcher folglich mit variablem und gänzlich irrelevantem Alter gesegnet, führt, um seine Homosexualität vor den Medien geheim zu halten, eine Scheinehe mit Casey, ebenfalls eine berühmte, steinreiche und fabelhaft aussehende Aktrice.

Esperanza Hernandez, die wunderschöne und intelligente Tochter mexikanischer Einwanderer, auf amerikanischem Boden geboren und darum amerikanische Staatsbürgerin, leidet unter ihrer despotischen Chefin Mrs. Campbell, der Unmöglichkeit einer Liebesbeziehung mit deren Sohn Doug und nicht zuletzt an ihren Oberschenkeln.

Dies sind die Protagonisten in James Freys aktuellem L.A.-Roman, deren Geschichten allerdings nur einen Teil der knapp 600 Seiten füllen. Dazwischen finden sich immer wieder (mehr oder weniger) kurze Episoden über schier unzählige Personen, deren berufliches Spektrum sich vom erfolgreichen Freizeitparkbetreiber über einen zum (stereo)typischen, sprich skrupellosen Paparazzo mutierten Fotografen bis hin zum mit Waffen handelnden Misanthropen erstreckt. Diese haben jedoch nichts mit den „eigentlichen“ Geschichten bzw. miteinander zu tun und sind nur durch die Tatsache miteinander verbunden, dass sie zumindest irgendwann einmal zumindest irgendetwas in Los Angeles zu tun hatten.

Doch die Hauptrolle in diesem Roman spielt unbestritten die Stadt selbst, deren Funktion eindeutig über die eines simplen Schauplatzes hinausgeht: Nicht nur, dass alle Abschnitte durch jeweils eine Seite mit historischen Fakten oder Begebenheiten über die Stadt der Engel getrennt sind, die sich meist durch ihre geringe Länge, aber immer durch ihre Position im Zentrum der Buchseite auszeichnen, was ihren besonderen Charakter und Status nochmal herausstreicht; Frey würdigt die Stadt auch, indem er – wiederum unter anderem, versteht sich – den diversen Stadtteilen, den beinahe schon beängstigend vielen Naturkatastrophen in dieser Gegend und den herrschenden Gangs ein eigenes Kapitel widmet – nicht zufällig behandelt die mit Abstand schönste Passage des ganzen Romans lediglich die größten Highways in und um der Stadt.

Durch diese Masse an Informationen und deren Anordnung (Banales steht hier übergangslos neben Schrecklichem) ergibt sich einerseits ein umfangreiches, wirklich stimmiges und dynamisches Bild von Los Angeles (auf die abgenutzte Mosaik-Steinchen-Metapher verzichte ich hier gerne mal), das vielen Auswanderern, egal ob aus China, Chino oder Chihuahua, noch immer als verheißungsvolles Land gilt, wo sich mit etwas Anstrengung, aber nichtsdestotrotz vermeintlich schnell und einfach eine buchstäbliche oder metaphorische Hollywood-Karriere machen lässt, kitschiges Sonnenuntergang-Happyend inklusive.

Andererseits, und das ist das große Manko des Buches, schafft es Frey nicht dauerhaft, die Spannung aufrechtzuerhalten, wenn er die Hauptplots ständig unterbricht: Gerade hat man noch mit Old Man Joe gehofft, genug Geld für den täglichen Alkoholbedarf zu erbetteln, wird man plötzlich brutal herausgerissen und mit Ambertons Geschichte konfrontiert. Oder Esperanzas. Oder Dylans, Maddies, oder von Sonstwem. Oder man erfährt stattdessen unzählige „lustige Tatsachen“ über L.A., die aber nicht immer lustig und auch nicht immer Tatsachen sind. Es stellt sich hier vor allem die Frage, wie, nicht sinnvoll für den Autor, sondern nützlich für den Leser mehrseitige Aufstellungen über Soldateninvaliden, Waffenkäufer und verkaufte Waffen, berühmte Galerien und die schon erwähnten Gangs sind, wenn sie ordentlich aufgestellt, aber unkommentiert (auf den Leser) gelassen werden. Zudem sind beinahe alle Personen und Geschichten arg klischeebeladen und wenig originell, fast alles kennt man schon, von (schlecht recherchierten) Fernsehberichten und, natürlich, ebenso aus Hollywood. (Doch dies ist ja das leidige Problem mit dem Klischee: Es macht auch vor dem Leben nicht Halt.)

Dennoch, „Strahlend schöner Morgen“ ist, bei aller Kritik, ein amüsanter und definitiv lesenswerter Roman – auch sehr leicht und schnell zu lesen, trotz seines Umfangs. Frey schafft es, zu unterhalten und L.A. in all seiner Schönheit, aber auch in all seiner Grausamkeit zu zeigen und so beim Leser ein ambivalentes Gefühl zu hinterlassen: Man will unbedingt an einem bestimmten Ort und gleichzeitig so weit weg wie nur möglich davon sein. In the city of angels, where the sun is always shining.

James Frey: Strahlend schöner Morgen
Ullstein 2009
592 Seiten

Rezension von Simon Zorcatra

Vom Verlieren und Finden der Balance

Colum McCann: Die große Welt

Colum McCann: Die große Welt

August 1974: zwischen den beiden Türmen des World Trade Centers balanciert Philip Petit auf einem Seil. Doch dieser Drahtseilakt bildet nicht den Mittelpunkt des Romans von McCann, sondern es ist lediglich der rote Faden, der viele einzelne Geschichten verbindet. Und diese Episoden handeln von Menschen, die 400 Meter tiefer als Petit an ihrem ganz persönlichen „Rand der großen Welt“ leben.

Der erste Teil dieses literarischen New York Kaleidoskops beginnt ironischerweise in Dublin mit der Schilderung der Jugend von Corrigan. Schon in seiner Jugendzeit hat er ein Naheverhältnis mit dem vermeintlichen „Abschaum“ der Gesellschaft: zwielichtige Figuren, Prostituierte, Alkoholiker und Obdachlose. Als Priester kommt Corrigan dann nach New York, um sich an einem der „Ränder der Welt“ um eine Gruppe von Prostituierten in der Bronx zu kümmern. Hin und hergeworfen zwischen Corrigans Zweifel an Gott und Prügeleinheiten durch die Zuhälter entwickelt sich aber zwischen ihm und seinen Damen ein Vertrauensverhältnis.

In einer anderen Episode erhalten wir Einblick in das Leben des jüdischen Ehepaars Solomon und Claire Soderberg oder vielmehr, wie sie mit dem Tod ihres Sohnes umzugehen versuchen, der in Vietnam einem Bombenattentat zum Opfer gefallen ist. Solomon, der Richter, verarbeitet den Tod seines einzigen Sohnes mit Schweigen, Claire versucht es mit darüber sprechen in einer Gruppe von 5 Frauen, die ebenfalls ihre Söhne in Vietnam verloren habe. McCann vermag es in diesem Teil des Romans mit wunderbaren erzählerischen Mitteln das Leid der Soderbergs zu benennen. Der Sohn Joshua war als Computerexperte nach Vietnam gegangen, um das System zu verbessern, mit dem die Amerikaner die Anzahl der Gefallenen zu ermitteln versuchten. Als er in Vietnam stirbt lesen wir nur: „Aus Joshua wurde ein Code.“

McCann bringt uns so noch eine große Anzahl von Lebensgeschichten näher, die sich wiederum an ihren Rändern immer wieder mit den anderen Geschichten überschneiden. Sie alle handeln von Menschen, die ihre Lebensbalance verlieren oder schon verloren haben, ganz im Gegensatz zum Seiltänzer Petit. McCann kleidet Beobachtungen in Sätze von erstaunlicher sprachlicher Präzision und seine Prosa bilderreich zu nennen wäre wohl eine Untertreibung. Für Wortungetüme ist kein Platz und die Dialoge sind von einer erfrischend knackigen Lebendigkeit. Das einzig vielleicht Negative ist der ansonsten gelungene Schluß, hier versucht McCann mit einer allzu großen Unwahrscheinlichkeit die erzählerische Klammer zu schließen. Eines steht jedoch fest: „Die große Welt“ von Colum McCann ist einer der ganz großen Romane des Jahres 2009.

Nachsatz: wenn sie die Möglichkeit haben, den Dokumentarfilm „Man on Wire“ über die Seiltanzaktion von Philip Petit zu sehen, dann tun sie das und sie werden vielleicht besser verstehen, warum McCann dem Franzosen nicht mehr Platz in seinem Roman gewidmet hat.

Colum McCann: Die große Welt
Rowohlt 2009
540 Seiten

Rezension von Tom Fliri

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Katinka Buddenkotte: Ich hatte sie alle

Katinka Buddenkotte: Ich hatte sie alle (DTV, 2009)

Der neueste Band mit Erzählungen von Katinka Buddenkotte trägt den Titel „Ich hatte sie alle“ und lässt den geneigten Leser im ersten Moment darauf schließen, dass Frau Buddenkotte nicht unbedingt aus dem Nähkästchen, sondern vielmehr aus dem Nachttischchen plaudert. Doch dem ist nicht so. Vielmehr lässt uns die Autorin an ihrer breitgefächerten Lebenserfahrung teilhaben, welche sich nur am Rande aus diversen Liebhabern zusammensetzt. Denn wer vielseitig, flexibel und abenteuerlustig ist, der kann einiges mehr zum Besten geben als bloße Bettgeschichten, und den Leser auf dieser autobiographischen Tour de force auch bestens unterhalten. [...]

Paolo Giordano: Die Einsamkeit der Primzahlen

Paolo Giordano: Die Einsamkeit der Primzahlen (Blessing, 2009)

Paolo Giordanos neuester Roman mag dem leidenschaftlichen Mathematikmuffel zunächst aufgrund des Titels ein wenig Angst einjagen, doch bereits nach wenigen Zeilen findet man sich nicht in der Welt der Mathematik, sondern in der Welt zweier Individuen wieder, deren Verbindung zueinander im Laufe ihres Lebens so gar nichts mit der Logik der Zahlen zu tun hat. Mit einer poetischen Sprache und einem einfühlsamen, doch auch klaren Erzählstil lässt uns der Autor an vierundzwanzig Jahren der Leben von Alice und Mattia teilhaben, die beide auf sehr besondere Weise gelernt haben, mit dem Leben umzugehen [...]

Von der magischen Symbiose von Handlung & Orten

Wer kennt nicht die Faszination, durch die Lektüre eines Buches in fremde Länder getragen zu werden und neben dem gerade gelesenen Buch einen Atlas liegen zu haben. Und in diesem Atlas verfolgt der Zeigefinger die Hauptfigur eines Romans auf ihren Abenteuern. Jens Nommel, Geograph und Literaturbegeisterter hat aus seinen beiden Passionen eine Website geschaffen: handlungsreisen.de. Hier eine kurze Geschichte dieses Projekts aus der Feder von Jens Nommel.

Im Februar 2004 entstand die Idee, Handlungsorte der Literatur auf einer Weltkarte einzuzeichnen. Daraus wurde der Atlas für Handlungsreisen.de – ein Kartenwerk der Literatur, gespeist von zahlreichen Leserinnen und Lesern. Mit seiner Hilfe lässt [...]

Benedict Wells: „Spinner“ oder wie man leidenschaftlich leidet…

Benedict Wells: Spinner (Diogenes 2009)

Was in den 90ern mit der sogenannten “Popliteratur” begann setzt sich seitdem äußerst erfolgreich fort, wenn auch unter variablen Namen und Bezeichnungen. Ob „Herr Lehmann“, „Vollidiot“ oder „Kaltduscher“, diese Werke, welche man auch als „Loseratur“ bezeichnen könnte, erfreuen sich großer Beliebtheit, geben sie doch direkten Einblick in die modernen Lebenswelten von Menschen, denen alle Möglichkeiten offen stehen und die deshalb erst recht nicht wissen, ob es sich lohnt überhaupt eine eindeutige Entscheidung zu treffen und sich dann auch mit deren Konsequenzen auseinander zu setzen. Denn dafür müsste man das Dosenbier zur Seite stellen und von [...]

Die Geschichte vom fliehenden Boxer

Jan van Mersbergen: Morgen sind wir in Pamplona (Verlag Antje Kunstmann, 2009)

Der junge niederländische Autor Jan van Mersbergen hat mit „Morgen sind wir in Pamplona“ eine Road Novel geschrieben. Zwei Männer treffen zufällig aufeinander und fahren zum Stierlauf nach Pamplona, dies aber aus sehr unterschiedlichen Gründen.

Danny der Boxer ist auf der Flucht, der Leser weiß nicht wovor, Danny weiß nicht wohin. Der Zufall will es, dass er als Hitchhiker von Robert mitgenommen wird. Letzerer weiß sehr wohl, wohin er will und zwar, wie seit vielen Jahren, zum Stierlauf in Pamplona. Diese ‚rituelle‘ jährliche Reise, Robert sieht sie als ‚Turbowallfahrt‘, [...]

Träume, Blut und Totenehen

Yan Lianke: Der Traum meines Großvaters (Ullstein Verlag, 2009)

Yan Lianke: Der Traum meines Großvaters

Was hätte man aus dieser Geschichte nicht alles machen können: einen Roman mit einem unangenehmen „True Story“-Beigeschmack oder einen skandalheischenden Thriller nach „Outbreak“-Stil. Aber nein: Yan Lianke hat auf dem Hintergrund des chinesischen AIDS-Skandals der vergangenen 90er Jahre ein poetisch kraftvolles, zugleich aber auch betroffen machendes Stück Literatur geschaffen.

Der junge Erzähler Quiang Ding wird von der Bevölkerung eines kleinen Dorfes in der chinesischen Provinz Henan vergiftet, es ist eine Vergeltungsmaßnahme für die Taten seines Vaters, des „Blutchefs“. Sein Großvater legt ihm zwei Wörterbücher mit ins [...]

Ivana Jeissing: Felsenbrüter

Ivana Jeissnig: Felsenbrüter

Wer hat nicht schon einmal die Liebe gefunden und dachte, der Spruch „in guten wie in schlechten Zeiten bis das der Tod euch scheidet“ würde nun seine Wahrheit beweisen? Nur um nach einigen Jahren festzustellen, dass nicht der Tod, sondern der Alltag, ambitioniertes Karrieredenken oder eine wesentlich jüngere Frau gemeinsam mit einem weltlichen Scheidungsrichter die Trennung in die Wege leiten würden.

Martha hat Tom nach über 12 Jahren Ehe an seine Karriere und eine junge Erbin verloren und steht nun vor den Trümmern, die einmal ihr Leben waren. Sie trauert, hofft und wartet, und vor allem möchte sie [...]