Die literarische Weltreise

Die literarische Weltreise ist ein Leseprojekt von Tom Fliri. Es ist geplant mit 80 Büchern aus verschiedenen Ländern die Welt zu umrunden. Die Reise startete bereits am 12.07.2007 auf http://tomino.at und wird nun hier im Magazin forgesetzt. Bereits “besuchte” Länder sind bisher:

  1. England und Wales
  2. Irland
  3. Island
  4. Norwegen
  5. Schweden
  6. Finnland
  7. Litauen
  8. Polen
  9. Deutschland
  10. Slowakei
  11. Österreich
  12. Italien
  13. Griechenland
  14. Türkei
  15. Iran
  16. Afghanistan
  17. Pakistan
  18. Indien

In den kommenden Wochen werden die jeweiligen Bücher vorgestellt.

Die Google-Map der Reise in GROSS

13. Etappe: Griechenland

Nicholas Gage: Eleni

Nicholas Gage: Eleni DTV (2009)

Wovon der Großteil Europas nach den Wirren des 2. Weltkrieges kaum Notiz nahm: in Griechenland herrscht 3 Jahre lang Bürgerkrieg, von 1946 und 1949, zwischen der Demokratischen Armee Griechenlands (DSE) und der rechten Regierung Griechenlands. Eben in dieser Zeit siedelt Nicholas Gage seine Geschichte an, in der es um seine eigene Familie und ganz zentral um das Schicksal von Eleni, Gages Mutter, geht.

Zuerst ist der Krieg fern vom kleinen Dorf in den nordwestlichen Bergen Griechenlands und die Bewohner glauben auch nicht daran, dass ihre Welt in den Strudel des Bürgerkriegs versinken wird. Doch der Lärm der Militärs kommt immer näher und im Dorf versuchen sich die Menschen schon von vorneherein auf eine der beiden Seiten zu schlagen, immer bereit, im Bedarfsfall die politischen Fronten wechseln zu können. Doch viele geraten als ‘Neutrale’ zwischen die Mühlsteine der Geschichte. Ganz besonders hart trifft es die Familie von Eleni.

Nicolas Gage hat einen sehr persönlichen Bürgerkriegsroman geschrieben. Was man ihm ankreiden kann ist, dass er eindeutig Stellung gegen die kommunistischen Truppen, die auf den Sturz der Regierung aus sind, bezieht. Das mag v.a. damit zusammenhängen, dass Nicolas Gage diesem Dunkel der griechischen Geschichte entkommen ist und die Möglichkeit hatte, den Rest seines Lebens in den USA zu verbringen und die McCarthy-Ära sicherlich in dem jungen Gage seine Spuren hinterlassen hat. Die Greueltaten der DSE sind historisch unumstritten, besonders schlimm war die ‘Deportation’ Tausender Kinder in die benachbarten Staaten, die sich unter der Kontrolle der Sowjetunion befanden. Ziel dieser Aktion, die unzählige Familien zersprengte, war die kommunistische Erziehung griechischer Kinder, um später auf loyale Landsleute zurückgreifen zu können. Ein wenig klingt dies nach Methoden der roten Khmer und das in Griechenland. Die rechte Seite kommt jedoch in Gages Roman zu ungeschoren davon.

‘Eleni’ ist ein äußerst lesenswertes Buch und öffnet ein Guckloch in die Geschichte Griechenlands, das in der Schule wohl unerwähnt bleibt.

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9. Etappe: Deutschland

Hans Waal: Die Nachhut Aufbau Taschenbuch 2009

Hans Waal: Die Nachhut Aufbau Taschenbuch 2009

Fritz, Otto, Josef und Konrad sind loyale SS-Offiziere, die gegen Ende des 2. Weltkriegs den Befehl erhalten, eine große Bunkeranlage unter Einsatz ihres Lebens gegen den Feind zu verteidigen. Diesen Befehl befolgen sie und das jahrzehntelang bis zu einem Großereignis: ihr letzter Dosenöffner geht in die Brüche. Einen möglichen Hungertod vor Augen wagen sie schwerbewaffnet den Schritt nach draußen und dann stehen sie da, vier alte Männer in SS-Uniformen, mitten im ehemaligen Ostdeutschland und dies im Jahre 2004.

Was nun folgt ist eine Geschichte, die der Autor (unter dem Pseudonym Hans Waal) von verschiedenen Erzählern schildern lässt: da ist zuerst Fritz, einer der vier ‚Deserteure’, der erzählt, in welch eigenartige Welt sie geraten. Nachdem sie im Bunker immer wieder den Lärm von Granaten und Maschinengewehren vernommen hatten – über dem Bunker befand sich ein Übungsplatz der NVA – kommen sie nun in eine menschenleere Umgebung. Auf der Autobahn, die sie dann entdecken, sind keine Panzer mehr unterwegs sondern vorbeiflitzende kleine schnelle Autos, aber da ist auch ein US-amerikanischer Bus, den sie selbstverständlich unter Beschuß nehmen.

Das zweite erzählerische Auge leiht uns ein Kameramann. Das ist die Perspektive der Medien: die nach den großen Schlagzeilen lechzenden Journalisten und ihr Versuch, das Vertrauen der vier alten Männer zu erringen, um noch näher vom Zentrum aus berichten zu können. Dann ist da noch die BKA Beamtin, die nach diesem dreisten Attentat auf die amerikanischen Freund radikal nach einer Lösung dieser Affäre strebt.

Hans Waal hat uns da ein Buch vorgelegt, das skurrile Szenarien und Dialoge liefert, wie die Begegnung zwischen den vier alten Herren und Neo-Nazis und dem daraus resultierenden Unverständnis der Originale, dass die neuen Anhänger ihres Führers gegen die verbündeten Türken wettern. Der Roman birgt Spannung, ohne jedoch zum actiongeladenen Spektakel zu werden, hat humorvolle Passagen, ohne zur Komödie zu werden.

Noch ein finanztechnisches Postskriptum: ‚Die Nachhut’ gibt es jetzt als Taschenbuch.

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Eine verklärende Reise in die eigene und fremde Vergangenheit

Walter Grond: Der gelbe Diwan. Haymon Verlag 2009

Walter Grond: Der gelbe Diwan. Haymon Verlag 2009

Walter Gronds neuestes Werk ist nicht nur eine parallel angelegte Reise in die Vergangenheit sowohl der Hauptfigur Paul Clement als auch des Schriftstellers Gustave Flaubert. Es ist vor allem eine Begegnung der Kulturen, beschreibt er doch zum einen die Orientreise Flauberts Mitte des 19. Jahrhunderts und zum anderen die immer wieder schwierige Beziehung Pauls zu seiner Exfrau Behle, welche anatolische Wurzeln hat, die sie aber lange Zeit von sich selbst und vor allem von ihren gemeinsamen Kindern fern hält. Doch es geht in diesem Buch nicht nur um die Begegnungen verschiedener Kulturen, sondern auch um Begegnungen ganz besonderer Menschen. Menschen, die einen prägen und ihre Spuren hinterlassen, selbst wenn sie nicht bei uns bleiben.

Die eigene Vergangenheit wird für Paul Clement nicht durch die Wiedervereinigung mit seiner um etliche Jahre jüngeren Frau wieder lebendig, sondern auch durch ein weniger erfreuliches Ereignis, den Selbstmord seines früheren Freundes und „Mentors“ Johan, einem umjubelten Schriftsteller und ewigen Revolutionär. Johan, der sich aus dem „Ghetto“ des Bulaks dank seines Talents und seiner Zähigkeit herausarbeiten konnte, nur um schließlich an seinen eigenen Ansprüchen, der Gesellschaft und nicht zuletzt auch seinem Alkoholismus zu scheitern. Es kommt hier nicht nur zur Begegnung zweier Individuen, es begegnen sich auch zwei Weltanschauungen, die des jungen zynischen Bohemiens, für den ein früher Tod zum guten Ton des von ihm gepflegten Images gehört, und die des kämpferischen Emporkömmlings, der sich in seiner permanenten Kritik an der Welt und den Menschen inszeniert und sich doch im Grunde nur für sich selbst interessiert. Je weiter sich die Geschichte entwickelt, desto klarer wird: Johan erschafft keine Geschichten, er erschafft sich selbst, und Paul ist dabei, genauso wie zahlreiche andere, nur eine weitere Figur, die den Mythos Johan noch weiter stützt.

Walter Grond ist kein Freund der einfachen Worte. Großzügig und ausschweifend wird hier formuliert, wird eine „Frau wie eine Fee“ beschrieben oder wie „eine Heilige“, werden Geheimnisse im Tagebuch „usurpiert“ und bildhaft Orte, Geschehnisse und Figuren über viele Zeilen hinweg  beschrieben. Eine klare, stringente Erzähllinie lässt sich hier nur schwerlich finden, und auch der „Höhepunkt“ scheint nur ein vermeintlicher zu sein. Doch wer Herz und Geduld hat für ein Buch, das voll von stillen Betrachtungen des lauten Lebens ist, der wird hier fündig. Schließlich kann man nicht alles im Leben kurz und knapp beschreiben.

Walter Grond: Der gelbe Diwan
320 Seiten
Haymon Verlag 2009

Rezension von Yvonne Brandt

Eternal Sunshine

James Frey: Strahlend schöner Morgen. Ullstein 2009

James Frey: Strahlend schöner Morgen. Ullstein 2009

Ich sehe die Menschen, die hier leben, zehn, zwölf, irgendwann vielleicht fünfzehn, zwanzig oder fünfundzwanzig Millionen, schwarz, weiß, gelb, braun, Menschen, die getrennt oder zusammen leben, Menschen, die sich lieben, hassen, töten, schlagen oder die sich helfen, alle sind hier, und es werden täglich mehr, sie breiten sich aus, ballen sich, treten und verdrängen sich, täglich werden es mehr. Ich sehe sie kommen.

Dylan und seine Freundin Maddie, beide 19 Jahre jung, fliehen – nicht nur, aber vorwiegend vor ihren Eltern – aus ihrem Heimatkaff in Ohio, um in L.A. eine bessere Zukunft zu suchen und nicht wie ihre Eltern zu enden.

Old Man Joe, Obdachloser und Experte für billigen Chablis, entgegen aller Vermutungen und seines weißen Haares noch nicht mal 40 Jahre alt, verlässt jeden Tag noch vor der Dämmerung seinen Schlafplatz in der Toilette eines Taco-Ladens, um am nahe gelegenen Strand auf „eine Antwort zu warten“.

Amberton Parker, berühmter, steinreicher und überdies fabelhaft aussehender Hollywood-Actionfilm-Blockbuster-Star, als solcher folglich mit variablem und gänzlich irrelevantem Alter gesegnet, führt, um seine Homosexualität vor den Medien geheim zu halten, eine Scheinehe mit Casey, ebenfalls eine berühmte, steinreiche und fabelhaft aussehende Aktrice.

Esperanza Hernandez, die wunderschöne und intelligente Tochter mexikanischer Einwanderer, auf amerikanischem Boden geboren und darum amerikanische Staatsbürgerin, leidet unter ihrer despotischen Chefin Mrs. Campbell, der Unmöglichkeit einer Liebesbeziehung mit deren Sohn Doug und nicht zuletzt an ihren Oberschenkeln.

Dies sind die Protagonisten in James Freys aktuellem L.A.-Roman, deren Geschichten allerdings nur einen Teil der knapp 600 Seiten füllen. Dazwischen finden sich immer wieder (mehr oder weniger) kurze Episoden über schier unzählige Personen, deren berufliches Spektrum sich vom erfolgreichen Freizeitparkbetreiber über einen zum (stereo)typischen, sprich skrupellosen Paparazzo mutierten Fotografen bis hin zum mit Waffen handelnden Misanthropen erstreckt. Diese haben jedoch nichts mit den „eigentlichen“ Geschichten bzw. miteinander zu tun und sind nur durch die Tatsache miteinander verbunden, dass sie zumindest irgendwann einmal zumindest irgendetwas in Los Angeles zu tun hatten.

Doch die Hauptrolle in diesem Roman spielt unbestritten die Stadt selbst, deren Funktion eindeutig über die eines simplen Schauplatzes hinausgeht: Nicht nur, dass alle Abschnitte durch jeweils eine Seite mit historischen Fakten oder Begebenheiten über die Stadt der Engel getrennt sind, die sich meist durch ihre geringe Länge, aber immer durch ihre Position im Zentrum der Buchseite auszeichnen, was ihren besonderen Charakter und Status nochmal herausstreicht; Frey würdigt die Stadt auch, indem er – wiederum unter anderem, versteht sich – den diversen Stadtteilen, den beinahe schon beängstigend vielen Naturkatastrophen in dieser Gegend und den herrschenden Gangs ein eigenes Kapitel widmet – nicht zufällig behandelt die mit Abstand schönste Passage des ganzen Romans lediglich die größten Highways in und um der Stadt.

Durch diese Masse an Informationen und deren Anordnung (Banales steht hier übergangslos neben Schrecklichem) ergibt sich einerseits ein umfangreiches, wirklich stimmiges und dynamisches Bild von Los Angeles (auf die abgenutzte Mosaik-Steinchen-Metapher verzichte ich hier gerne mal), das vielen Auswanderern, egal ob aus China, Chino oder Chihuahua, noch immer als verheißungsvolles Land gilt, wo sich mit etwas Anstrengung, aber nichtsdestotrotz vermeintlich schnell und einfach eine buchstäbliche oder metaphorische Hollywood-Karriere machen lässt, kitschiges Sonnenuntergang-Happyend inklusive.

Andererseits, und das ist das große Manko des Buches, schafft es Frey nicht dauerhaft, die Spannung aufrechtzuerhalten, wenn er die Hauptplots ständig unterbricht: Gerade hat man noch mit Old Man Joe gehofft, genug Geld für den täglichen Alkoholbedarf zu erbetteln, wird man plötzlich brutal herausgerissen und mit Ambertons Geschichte konfrontiert. Oder Esperanzas. Oder Dylans, Maddies, oder von Sonstwem. Oder man erfährt stattdessen unzählige „lustige Tatsachen“ über L.A., die aber nicht immer lustig und auch nicht immer Tatsachen sind. Es stellt sich hier vor allem die Frage, wie, nicht sinnvoll für den Autor, sondern nützlich für den Leser mehrseitige Aufstellungen über Soldateninvaliden, Waffenkäufer und verkaufte Waffen, berühmte Galerien und die schon erwähnten Gangs sind, wenn sie ordentlich aufgestellt, aber unkommentiert (auf den Leser) gelassen werden. Zudem sind beinahe alle Personen und Geschichten arg klischeebeladen und wenig originell, fast alles kennt man schon, von (schlecht recherchierten) Fernsehberichten und, natürlich, ebenso aus Hollywood. (Doch dies ist ja das leidige Problem mit dem Klischee: Es macht auch vor dem Leben nicht Halt.)

Dennoch, „Strahlend schöner Morgen“ ist, bei aller Kritik, ein amüsanter und definitiv lesenswerter Roman – auch sehr leicht und schnell zu lesen, trotz seines Umfangs. Frey schafft es, zu unterhalten und L.A. in all seiner Schönheit, aber auch in all seiner Grausamkeit zu zeigen und so beim Leser ein ambivalentes Gefühl zu hinterlassen: Man will unbedingt an einem bestimmten Ort und gleichzeitig so weit weg wie nur möglich davon sein. In the city of angels, where the sun is always shining.

James Frey: Strahlend schöner Morgen
Ullstein 2009
592 Seiten

Rezension von Simon Zorcatra

Vom Verlieren und Finden der Balance

Colum McCann: Die große Welt

Colum McCann: Die große Welt

August 1974: zwischen den beiden Türmen des World Trade Centers balanciert Philip Petit auf einem Seil. Doch dieser Drahtseilakt bildet nicht den Mittelpunkt des Romans von McCann, sondern es ist lediglich der rote Faden, der viele einzelne Geschichten verbindet. Und diese Episoden handeln von Menschen, die 400 Meter tiefer als Petit an ihrem ganz persönlichen „Rand der großen Welt“ leben.

Der erste Teil dieses literarischen New York Kaleidoskops beginnt ironischerweise in Dublin mit der Schilderung der Jugend von Corrigan. Schon in seiner Jugendzeit hat er ein Naheverhältnis mit dem vermeintlichen „Abschaum“ der Gesellschaft: zwielichtige Figuren, Prostituierte, Alkoholiker und Obdachlose. Als Priester kommt Corrigan dann nach New York, um sich an einem der „Ränder der Welt“ um eine Gruppe von Prostituierten in der Bronx zu kümmern. Hin und hergeworfen zwischen Corrigans Zweifel an Gott und Prügeleinheiten durch die Zuhälter entwickelt sich aber zwischen ihm und seinen Damen ein Vertrauensverhältnis.

In einer anderen Episode erhalten wir Einblick in das Leben des jüdischen Ehepaars Solomon und Claire Soderberg oder vielmehr, wie sie mit dem Tod ihres Sohnes umzugehen versuchen, der in Vietnam einem Bombenattentat zum Opfer gefallen ist. Solomon, der Richter, verarbeitet den Tod seines einzigen Sohnes mit Schweigen, Claire versucht es mit darüber sprechen in einer Gruppe von 5 Frauen, die ebenfalls ihre Söhne in Vietnam verloren habe. McCann vermag es in diesem Teil des Romans mit wunderbaren erzählerischen Mitteln das Leid der Soderbergs zu benennen. Der Sohn Joshua war als Computerexperte nach Vietnam gegangen, um das System zu verbessern, mit dem die Amerikaner die Anzahl der Gefallenen zu ermitteln versuchten. Als er in Vietnam stirbt lesen wir nur: „Aus Joshua wurde ein Code.“

McCann bringt uns so noch eine große Anzahl von Lebensgeschichten näher, die sich wiederum an ihren Rändern immer wieder mit den anderen Geschichten überschneiden. Sie alle handeln von Menschen, die ihre Lebensbalance verlieren oder schon verloren haben, ganz im Gegensatz zum Seiltänzer Petit. McCann kleidet Beobachtungen in Sätze von erstaunlicher sprachlicher Präzision und seine Prosa bilderreich zu nennen wäre wohl eine Untertreibung. Für Wortungetüme ist kein Platz und die Dialoge sind von einer erfrischend knackigen Lebendigkeit. Das einzig vielleicht Negative ist der ansonsten gelungene Schluß, hier versucht McCann mit einer allzu großen Unwahrscheinlichkeit die erzählerische Klammer zu schließen. Eines steht jedoch fest: „Die große Welt“ von Colum McCann ist einer der ganz großen Romane des Jahres 2009.

Nachsatz: wenn sie die Möglichkeit haben, den Dokumentarfilm „Man on Wire“ über die Seiltanzaktion von Philip Petit zu sehen, dann tun sie das und sie werden vielleicht besser verstehen, warum McCann dem Franzosen nicht mehr Platz in seinem Roman gewidmet hat.

Colum McCann: Die große Welt
Rowohlt 2009
540 Seiten

Rezension von Tom Fliri

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7. Etappe: Litauen



Das Spannende an einer literarischen Weltreise ist nicht nur die Lektüre der jeweiligen Bücher, sondern auch das Entdecken dieser Bücher. So war das auch bei der Suche nach baltischer Literatur, die nicht sehr einfach war, da relativ wenige baltische Autoren ins Deutsche übersetzt werden. Zufällig entdeckte ich die 2007 verstorbene litauische Autorin Jurga Ivanauskaite, die mit “Placebo” (2003) einen utopisch angehauchten, thrillerhaften Gegenwartsroman aus Litauen geschrieben hat.
Ivanauskaite entwirft eine Geschichte rund um den merkwürdigen Tod der Wahrsagerin Julia, die aus der Sicht von mehreren Protagonisten erzählt wird. Das sind aber keineswegs „normale“ Erzähler, denn so kommen z.B. die bereits verstorbene Julia oder auch deren Katze zu Wort. Weiters wird die Geschichte von Julia aus der Sicht ihrer Freundin und Journalistin Rita beleuchtet und vom überdrehten Fernsehstar Maksas und dessen nonkonformistischen Bruder Tadas. Immer mehr wird dem Leser klar, dass Julia nicht Selbstmord begangen hat, sondern selber Instrument und am Ende auch Opfer einer verschwörerischen Gruppe namens „Placebo“ wurde. Aber Ivanauskaite macht aus dieser Geschichte nicht einen Roman im Stile von Dan Brown, sondern lässt ein Kaleidoskop aus vielen Stimmen entstehen. Aber warum sollte eine globale Verschwörungsgruppe gerade Litauen als Spielwiese für neue Methoden der Beeinflussung und unterschwelliger Kontrolle auswählen? Das beschreibt Ivanauskaite auf sehr eindringliche Art und Weise: nach der Befreiung aus dem politischen Würgegriff der ehemaligen Sowjetunion war in Litauen (so wie in den anderen ehemaligen Staaten der Union) ein Vakuum entstanden, welches die westliche Lebensart in wenigen Jahren aufgesaugt hat.
So erfährt man aus der Sicht des namenlosen Kontaktmanns von Julia den Placebo-Plan:

„… eine Gesellschaft der Glücklichen, gegründet durch Aussiebung der unbrauchbaren Individuen und Ausfiltern jedes, auch des allerkleinsten Löffels Teer aus dem globalen Honigfass; Gedanken- und Gefühlskontrolle, totale Abhängigkeit der Bürger von Fernseher, Computer und anderen modernen Technologien; Informationsüberschuss, Dutzende unnötiger Fakten pro Minute und Diktatur der Werbung, so dass in meisterhafter Weise eine Ersatzrealität geschafft wurde, in der die Menschen ohne eigene Gedanken, Gefühle und sogar ohne eigenes Schicksal lebten.“

So wird Julia von diesem Kontaktmann ins Placebo-Netzwerk eingeführt und aufgrund der Tatsache, dass sie als Wahrsagerin in Kontakt mit vielen bedeutenden Persönlichkeiten aus Politik und Wirtschaft steht, darauf angesetzt, diese Personen auf eine raffiniert unterschwellige Art und Weise zu beeinflussen. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem sie sagt: „Schluss! Ich diene dem Placebo nicht länger!“

Katinka Buddenkotte: Ich hatte sie alle

Katinka Buddenkotte: Ich hatte sie alle (DTV, 2009)

Katinka Buddenkotte: Ich hatte sie alle (DTV, 2009)


Der neueste Band mit Erzählungen von Katinka Buddenkotte trägt den Titel „Ich hatte sie alle“ und lässt den geneigten Leser im ersten Moment darauf schließen, dass Frau Buddenkotte nicht unbedingt aus dem Nähkästchen, sondern vielmehr aus dem Nachttischchen plaudert. Doch dem ist nicht so. Vielmehr lässt uns die Autorin an ihrer breitgefächerten Lebenserfahrung teilhaben, welche sich nur am Rande aus diversen Liebhabern zusammensetzt. Denn wer vielseitig, flexibel und abenteuerlustig ist, der kann einiges mehr zum Besten geben als bloße Bettgeschichten, und den Leser auf dieser autobiographischen Tour de force auch bestens unterhalten. Lesegenuss frei nach dem Motto: „Zum Glück ist mir das nicht selbst passiert!“.

Man kann nur froh sein, wenn man selbst bereits sehr früh auf die Begleitung der Mutter beim Shoppen verzichten durfte, denn warum Frau Buddenkotte bekleidungstechnisch einen eher unfreiwillig ausgefallenen Stil pflegt lässt sich auf weniger Glück betreffend ihrer Shoppingbegleitung zurückführen. Dass eine überlebte Krebserkrankung ebenfalls irgendwann ihre Berechtigung als Entschuldigung für sämtliche zwischenmenschliche Inkompetenzen verliert, kann man hier ebenso nachlesen wie die Tatsache, dass nicht nur ein linker Fuß, sondern auch eine Plüschhandtasche durchaus an einer Psychotherapie teilnehmen möchten und dürfen. Und wirklich glücklich darf man sich schätzen, wenn man keine Großmutter hatte, von der man die Kosenamen „Hammerhai“ und „Rübennase“ bekam und die einen beim Besuch an ihrem Krankenbett mit dem nächstbesten Zivildiener verkuppeln möchte, denn „’nen besseren findest du hier nicht“. Außerdem wird auch das Krankheitsbild des „Bassisten“ (ausschließlich Liebesbeziehungen mit ebensolchen), wann es auftritt, wie man es erkennt und was man dagegen tun kann, genau aufgerollt und beschrieben, um etwaige Bildungslücken bei Groupies und allen, die es vielleicht noch werden möchten, zu schließen.

»Metzgerskinder sind oft Vegetarier, Zahnarztkinder leiden unter Mundfäule, und die Kinder der 68er wandern nach Bayern aus, um die CSU wählen zu können. Die nächste Generation wird sich immer auflehnen gegen die Ideale ihrer Eltern, und das zu Recht. Denn nur die Betroffenen können sich vorstellen, was es heißt, in einem Extremistenhaushalt aufgewachsen zu sein, in dem man jeden Morgen mit Mettbrötchen, Zahnpflegefaschismus oder dem Brummen der Getreidemühle geweckt wurde. Da muss man einfach ganz, ganz anders werden.«

Katinka Buddenkotte bringt einen zum Lachen, zeigt alltägliche Situationen in neuem und amüsanten Licht und eröffnet dem Leser neue Sichtweisen, vor allem, wenn es um die Beschreibungen ihrer verschiedenen Jobs geht. Ein Buch zu dem man immer wieder gerne greift, wenn man lachen möchte und einem das eigene Leben gerade zu humorlos ist. Das erleben wir ja alle immer wieder.

Rezension von Yvonne Brandt

Bei Amazon…

Paolo Giordano: Die Einsamkeit der Primzahlen

Paolo Giordano: Die Einsamkeit der Primzahlen (Blessing, 2009)

Paolo Giordano: Die Einsamkeit der Primzahlen (Blessing, 2009)

Paolo Giordanos neuester Roman mag dem leidenschaftlichen Mathematikmuffel zunächst aufgrund des Titels ein wenig Angst einjagen, doch bereits nach wenigen Zeilen findet man sich nicht in der Welt der Mathematik, sondern in der Welt zweier Individuen wieder, deren Verbindung zueinander im Laufe ihres Lebens so gar nichts mit der Logik der Zahlen zu tun hat. Mit einer poetischen Sprache und einem einfühlsamen, doch auch klaren Erzählstil lässt uns der Autor an vierundzwanzig Jahren der Leben von Alice und Mattia teilhaben, die beide auf sehr besondere Weise gelernt haben, mit dem Leben umzugehen und manchmal auch, das Leben zu umgehen.

Einem überehrgeizigen Vater verdankt Alice einen Skiunfall im Alter von 6 Jahren, der ihr restliches Leben wesentlich prägen wird. Überfürsorglichen und doch hilflosen Eltern verdankt es Mattia im Alter von 8 Jahren, dass er sich für den Rest seines Lebens für das Schicksal seiner Zwillingsschwester Michela verantwortlich fühlen wird. Als Alice und Mattia sich schließlich im Gymnasium kennen lernen sind sie bereits gefestigt in ihrem Abseits. Abseits ihrer Familien, deren Anforderungen sie nicht erfüllen konnten und wollten, abseits ihrer Schulkollegen und schließlich auch abseits eines normalen Lebens, welches sie mit all den von ihnen gepflegten Neurosen und Geheimnissen als nicht erreichbar und für immer verloren erachten. So verwundert es natürlich nicht weiter, dass gerade diese beiden auf eine sehr eigene und teils auch unverständliche Art eine Verbindung miteinander aufbauen, die trotz Unterbrechungen jahrelang anhält und an der sie wachsen und reifen. Denn auch wenn sowohl Alice als auch Mattia viele Bereiche des Lebens auf Umwegen erkunden, so entlässt uns der Autor am Schluss des Romans mit dem Eindruck, dass die Hoffnung ein Gefühl ist, welches niemandem verwehrt wird, nicht einmal jenen, die sie verloren glaubten.

Die Poesie der Primzahlen, deren distanzierte Relation Mattia mit seiner Verbindung zu Alice vergleicht, scheint nicht nur widersprüchlich, sondern geradezu unmöglich zu sein, und doch erfüllt dieser wissenschaftliche Vergleich hier eine gewisse Funktion, denn wenn das Leben selbst unberechenbar und unsicher scheint, so kann der Rückzug in berechenbare Welten einen gewissen Halt geben. Das vordergründige Thema von Paolo Giordanos Roman beschäftigt sich dann aber doch mehr mit dem Leben wie es sein kann, sein könnte oder auch sein sollte und warum manche Beziehungen prägend für die Zeit der Reifung und des Lernens sind. Alice und Mattia sind nicht miteinander, sie bedingen einander.

Rezension von Yvonne Brandt

Von der magischen Symbiose von Handlung & Orten

Wer kennt nicht die Faszination, durch die Lektüre eines Buches in fremde Länder getragen zu werden und neben dem gerade gelesenen Buch einen Atlas liegen zu haben. Und in diesem Atlas verfolgt der Zeigefinger die Hauptfigur eines Romans auf ihren Abenteuern. Jens Nommel, Geograph und Literaturbegeisterter hat aus seinen beiden Passionen eine Website geschaffen: handlungsreisen.de. Hier eine kurze Geschichte dieses Projekts aus der Feder von Jens Nommel.

Im Februar 2004 entstand die Idee, handlungsreisende_1Handlungsorte der Literatur auf einer Weltkarte einzuzeichnen. Daraus wurde der Atlas für Handlungsreisen.de – ein Kartenwerk der Literatur, gespeist von zahlreichen Leserinnen und Lesern. Mit seiner Hilfe lässt sich das Wechselspiel zwischen Orten und Literatur entdecken, denn wie sagte schon Emily Dickinson: „Kein Schiff trägt uns besser in ferne Länder als ein Buch.“ Viele der literarischen Orte sind den Lesern ein Begriff, und sie vergessen die Städte, Dörfer, Berge oder Seen ihr Leben lang nicht.

Am Anfang einer Literatur steht der Schriftsteller. Er kann sich gezielt die Kulissen suchen, die er zum Erzählen benötigt – ja, er hat die freie Wahl. Handlung & Orte gehen dabei oftmals eine magische Symbiose ein. Die literarischen Orts- und Landschaftsbeschreibungen verankern die Fiktion an reale Orte – sie werden charakterisiert. Und sie zeigen ein anderes Bild von der Welt als ein Schulatlas mit seinen beschränkten Möglichkeiten, subjektive Welten darzustellen. Der Weltatlas zeigt uns nicht die Orte des Vergnügens, der Sehnsucht oder der Trauer.

Und auch wir Leser haben die freie Wahl. Wir können uns in fremde Gebiete aufmachen. Oder Lektüre wählen, die in unseren Lieblingslandschaften handelt. Oder es wie Tom Fliri machen: zur literarischen Weltreise aufbrechen.

Als Ergänzung zur Abbildung literarischer Orte führe ich Interviews mit Autorinnen und Autoren zum Thema Literatur & Orte sowie Verlegern und anderen Akteuren aus der Bücherwelt. Durch die Gespräche werden die vielfältigen persönlichen Verbindungen zwischen den Literaten und ihren Orten als Kulisse für Fiktion beleuchtet. Denn, so sagte Cornelia Funke in einem Interview für handlungsreisen.de: „Für mich ist das fast so, als wenn der Ort meine Leinwand ist. Der Maler kann nicht ohne Leinwand malen und die Farben einfach in die Luft pinseln, und genauso brauche ich immer einen geographischen Ort, um dort meine Geschichte spielen zu lassen.“

Benedict Wells: „Spinner“ oder wie man leidenschaftlich leidet…

Benedict Wells: Spinner (Diogenes 2009)

Benedict Wells: Spinner (Diogenes 2009)

Was in den 90ern mit der sogenannten “Popliteratur” begann setzt sich seitdem äußerst erfolgreich fort, wenn auch unter variablen Namen und Bezeichnungen. Ob „Herr Lehmann“, „Vollidiot“ oder „Kaltduscher“, diese Werke, welche man auch als „Loseratur“ bezeichnen könnte, erfreuen sich großer Beliebtheit, geben sie doch direkten Einblick in die modernen Lebenswelten von Menschen, denen alle Möglichkeiten offen stehen und die deshalb erst recht nicht wissen, ob es sich lohnt überhaupt eine eindeutige Entscheidung zu treffen und sich dann auch mit deren Konsequenzen auseinander zu setzen. Denn dafür müsste man das Dosenbier zur Seite stellen und von der Couch aufstehen.

In Benedict Wells’ „Spinner“ hat sich der Hauptprotagonist Jesper zwar sehr eindeutig für einen Weg entschieden und steht mit voller Überzeugung dazu, eines wird jedoch recht schnell klar: Jesper befindet sich auf seinem ganz persönlichen Jakobsweg und als noch unbekannter angehender Erfolgsautor in einer mehr als unterdurchschnittlich komfortablen Kellerwohnung in Berlin lässt es sich besonders leidenschaftlich leiden. Daran kann selbst der lebensfrohe und gut situierte beste Freund Gustav nichts ändern, und auch sonst versteht es Jesper hervorragend, die Menschen in seinem Leben auf Abstand zu halten. Die letzten eineinhalb Jahre seines Lebens waren für ihn aufgrund einer familiären Tragödie äußerst schwierig und geben ihm selbst Grund genug, dass er sich wohl nie in der Gesellschaft zurechtfinden kann oder will und schon gar nicht jemals ein sogenanntes „normales“ Leben führen wird, weshalb er auch Zuflucht in der Anonymität einer derzeit so hippen Großstadt wie eben Berlin sucht. Dies mag dem einen oder anderen Leser nun ein wenig bekannt vorkommen…

Benedict Wells erzählt Jespers Geschichte auf sehr spannende Art und mit subtilem Humor, der jedoch deutlich von den Brachialscherzen, welche man vielleicht von anderen Autoren dieser „Gattung“ gewohnt ist, abweicht. So gelingt es ihm, nicht einfach nur ein weiteres „junger Mann, verloren in den Weiten der Großstadt und den Anforderungen des Lebens“ – Werk zu schreiben, sondern ein Buch, das durchaus ernstzunehmend ist und die eigenen Gedanken anregt.

Rezension von Yvonne Brandt

Die Geschichte vom fliehenden Boxer

Jan van Mersbergen: Morgen sind wir in Pamplona (Verlag Antje Kunstmann, 2009)

Jan van Mersbergen: Morgen sind wir in Pamplona (Verlag Antje Kunstmann, 2009)

Der junge niederländische Autor Jan van Mersbergen hat mit „Morgen sind wir in Pamplona“ eine Road Novel geschrieben. Zwei Männer treffen zufällig aufeinander und fahren zum Stierlauf nach Pamplona, dies aber aus sehr unterschiedlichen Gründen.

Danny der Boxer ist auf der Flucht, der Leser weiß nicht wovor, Danny weiß nicht wohin. Der Zufall will es, dass er als Hitchhiker von Robert mitgenommen wird. Letzerer weiß sehr wohl, wohin er will und zwar, wie seit vielen Jahren, zum Stierlauf in Pamplona. Diese ‚rituelle‘ jährliche Reise, Robert sieht sie als ‚Turbowallfahrt‘, gestaltet sich dieses Mal durch seinen Mitfahrer etwas anders. Der mitteilsame Robert ist erfreut über den unerwarteten Ansprechpartner, doch Danny – wie es sich für einen Boxer gehört – bleibt über lange Strecken stumm, für ihn ist die Fahrt ein Film, das Autofenster ist der Fernseher und die vorbeifliegende Landschaft das Programm. Nur langsam wird Danny gesprächiger und ebenso langsam wird die Vorgeschichte der Flucht vor den Augen des Lesers aufgerollt.

Der erzählerische Höhepunkt des Romans ist die Beschreibung des Stierlaufs in Pamplona, festgehalten wie mit einer filmischen Schnitttechnik, Mersbergen mixt die Geschehnisse des Neo-Stierläufers Danny mit Szenen aus einem seiner Boxkämpfe und als Danny aus einer Art Trance wieder erwacht, ist etwas mit Robert geschehen.

„Morgen sind wir in Pamplona“ ist die Geschichte des Gefangenseins des Menschen in der jeweils eigenen Welt, sei es der Boxring von Danny oder die 40 Stundenwoche von Robert. Beide suchen einen Weg aus ihren Strukturen und Vorgeschichten auszubrechen, aber im Grunde sind sie hilflos wie die Hühner auf der Autobahn nach einem LKW-Unfall, die nicht fortlaufen können, weil sie die Gefangenschaft gewohnt sind.

Rezension von Tom Fliri